Im Kreis Dithmarschen sind Sie politisch sehr engagiert. Mögen Sie uns von Ihren Tätigkeiten berichten, um Sie etwas besser kennenzulernen?
Ich leite ein Übersetzungs- und Dolmetscherbüro. Wir fertigen Übersetzungen in und aus nahezu allen Sprachen an. Ich persönlich bin vereidigte Dolmetscherin und ermächtigte Übersetzerin für die türkische Sprache und übersetze aus dem Türkischen und ins Türkische oder dolmetsche bei Behörden, Gerichten und vielen anderen Orten, um dort Menschen zu helfen, die die Sprache noch nicht ausreichend beherrschen, um alles verfolgen zu können. Wer z.B. verurteilt wird, muss verstehen, was der Grund dafür ist. Das ist mein Beruf. Auf der anderen Seite bin ich in der politischen Arbeit tätig. Ich bin seit über zehn Jahren in der SPD und sitze als Ratsfrau im Stadtrat von Heide. Ich bin erneut in den Stadtrat gewählt worden und bin stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Gleichzeitig habe ich das Amt der stellvertretenden Bürgervorsteherin. Was mache ich sonst noch? Ich arbeite in Ausschüssen mit. In der letzten Legislaturperiode im Ausschuss für Familie, Jugend und Sport und aktuell im Ausschuss für Wirtschaft und Tourismus. Was die Stiftung GEuG betrifft, habe ich mich leider aus Zeitmangel in den letzten Jahren nicht beteiligen können.
Was motiviert Sie dazu, sich politisch zu engagieren?
Neulich habe ich als stellvertretende Bürgervorsitzende eine 90jährige Dame besucht, die nicht wusste, dass ich aus der Türkei stamme. Menschen wie sie sind, wenn ich sie besuche, ganz nett, aber man spürt eine gewisse Distanz. Wenn man dann Geschenke überbringt und zum Kaffee eingeladen wird, merkt man, wie sich die Distanz langsam abbaut. Die Gespräche, die dann entstehen, sind umso wertvoller. Die Leute haben ein konkretes Bild vor Augen, wenn sie eine stellvertretende Bürgervorsteherin besucht. Ich passe nicht in die Schublade, die sie erwarten. Es macht mir Spaß, bei den Menschen dieses Bild zu verändern. Dass betrifft nicht nur die alten Menschen, die ich besuche, sondern auch ihre Familienangehörigen. Ich glaube, dass man so zum Wandel beitragen kann. – Und nicht nur das: Ich versuche mich in dieser Gesellschaft zu engagieren, ein Vorbild für andere Migrant*innen, insbesondere für Frauen zu sein. So können sie vielleicht ihre Ängste beiseite lassen und denken: „Das traue ich mir auch zu. Ich würde gern an einem eurer Treffen teilnehmen.“
Deshalb engagiere ich mich, um zu zeigen, dass man es schaffen kann.
Springen wir noch einmal einige Jahre zurück. Wie sind Sie als Kind nach Deutschland gekommen?
Meine Eltern sind als 'Gastarbeiter' nach Deutschland gekommen, im Jahr 1973.
Mein Vater stammt aus Kurdistan und war dort Lehrer. Er wuchs als Kind unter ärmlichen Verhältnissen in einem kurdischen Dorf auf und wurde vom Staat gefördert (Ausbildung, Studium). Im Gegenzug musste er sich verpflichten, als Lehrer den kurdischen Kindern in den kleinen Dörfern die türkische Sprache, Kultur und Traditionen beizubringen. Das hat er einige Jahre gemacht, bis meine Mutter auf die Barrikaden gegangen ist. Sie hat gesagt, dass sie dieses Leben nicht mehr möchte. In den Dörfern gab es weder Strom noch fließendes Wasser. Meine Mutter stammte aus der Stadt, deshalb fiel es ihr schwer, unter diesen Umständen zu leben. Mein Onkel studierte zu der Zeit in Deutschland Medizin und sie hatte mitbekommen, dass Deutschland Arbeitskräfte sucht. Sie hat zu meinem Vater gesagt: „Mach du dein Ding hier. Ich gehe zu meinem Bruder nach Deutschland, will auf meinen eigenen Füßen stehen und unseren Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.“
So ist sie nach Deutschland gegangen und wir Kinder haben drei Jahre bei meinen Großeltern gelebt. Mein Vater hat es drei Monate ohne meine Mutter ausgehalten, dann ist er ihr nachgereist. Sie wollten hier nur für kurze Zeit arbeiten, um das Fundament dafür zu legen, ihren Kindern ein vernünftiges Leben anbieten zu können. Aus einem Jahr sind dann viele Jahre geworden.
Nach zwei Jahren fassten sie den Entschluss, zu bleiben. 1975 übersiedelten wir nach Hamburg-Altona. Ich war damals zehn Jahre, meine Schwestern acht und sechs Jahre.
In Altona habe ich die Schule besucht und hatte auch als Kind zunächst große Schwierigkeiten. Meinen Eltern wurde empfohlen, mich in die fünfte Klasse einzugliedern. Nach der sechsten Klasse erhielt ich eine Hauptschulempfehlung, weil meine Deutschkenntnisse noch nicht so gut waren.
Doch es gab einen Mathe-Lehrer, Herr Müller, dem ich meine heutige Lebensgrundlage zu verdanken habe. Er hat damals gesagt: „Das geht nicht, dazu ist sie viel zu gut!“ In Mathe war die deutsche Sprache zum Beispiel nicht so wichtig. Meine Leistungen hingegen ausgezeichnet.
Ich komme aus einer Kultur, in der man die schulischen Belange den Lehrern überlässt. – Unsere Eltern akzeptieren die Meinung der Lehrer und legen viel Wert darauf. Sie gehen davon aus, dass die Lehrkräfte das Beste für das Kind wollen. Herr Müller hat mit meinen Eltern gesprochen, sie dürften nicht zulassen, dass ich auf die Hauptschule komme, dort würde es für mich nur schwerer werden. Herr Müller hat damals dafür gesorgt, dass ich an die Realschule gekommen bin. Ich war eine gute Schülerin. Ich habe den Realschulabschluss so gut gemacht, dass ich danach eine Gymnasialempfehlung bekam. Auf dem Gymnasium habe ich das Abitur gemacht und anschließend studiert. Nach dem Studium wurde ich schwanger und bin dann nach Dithmarschen gekommen.
Weil Sie hier Arbeit gefunden haben?
Weil wir zwei Kinder bekamen und wir unsere Kinder in einer sauberen, ländlichen Region aufwachsen sehen wollten. Irgendwann, als die Kinder älter waren, habe mich an das Gericht gewandt und mich dort als Dolmetscherin angeboten. Ich hatte schon mal in Hamburg als Dolmetscherin gearbeitet. Ein inzwischen leider verstorbener Richter hat sofort zugesagt, da es einige türkischstämmige Menschen in Dithmarschen gab. So bin ich nicht als Juristin, sondern in anderer Funktion wieder zum Gerichtswesen gekommen.
Was haben Ihre Eltern gemacht? Sind sie wieder in die Türkei zurückgekehrt?
Meine Mutter hat zunächst in einer Fischfabrik gearbeitet, danach als Reinigungskraft in Schulen. Mein Vater war zunächst Küchenhilfe in einem chinesischen Restaurant, danach arbeitete er in einer Glasfabrik und später wurde er als Lehrkraft und Sozialpädagoge in einer Schule angestellt.
Jetzt, als Rentner, leben meine Eltern sechs Monate des Jahres in der Türkei, und zwar am Meer und nicht in ihrem Heimatort, und sechs Monate in Hamburg, wo sie eine kleine Wohnung haben, um mit ihren Kindern und Enkelkindern zusammensein zu können.
Kommen wir zurück zu Ihrer Schulzeit. Was war in Deutschland anders? Waren Sie eher skeptisch oder neugierig, als Sie hier auf eine Grundschule gekommen sind?
Ich habe oft versucht, mich zu erinnern, aber es fällt schwer, da es schon so lange her ist. Es war eine tolle Sache, dass wir wieder bei unseren Eltern leben durften. Der erste Flug nach Deutschland war total spannend. Wir sind im Herbst, am 15.10.1975, nach Deutschland gekommen. Nicht nur das Wetter, alles war total anders. So viele blonde Menschen habe ich noch nie zusammen gesehen. Obwohl ich in der Schule gemobbt wurde, war der erste Eindruck positiv.
Hatten Sie in den ersten Jahren den Wunsch, zurückzukehren?
In der Phase, in der ich gemobbt wurde, habe ich viel geweint und wollte wieder zurück. Ich habe meine Eltern gefragt, warum wir hierbleiben müssen. Aber es gab auch schöne Dinge. Es gab täglich Eis und man durfte anziehen, was man wollte. Es war ein anderes Leben.
Gab es an der Schule Sprachförderung?
Gar nicht.
Welche Rolle spielten die Lehrer?
Sie waren überfordert. Sie waren auf die Situation mit Migrantenkindern nicht vorbereitet. An unserer Schule gab es nur mich und meine Schwester. Wir saßen im Klassenzimmer ganz hinten und haben nichts verstanden. Wir mussten hinten sitzen, weil die anderen Kinder nicht neben uns sitzen wollten. Das war nicht nett. Es gab in der Klasse eine Schülerin, die auch gemobbt wurde. Das war mein Glück. Sie hat sich mit mir solidarisiert, sie hat mir geholfen, sie wurde zu meiner Deutschlehrerin. In Mathe konnte ich glänzen und wurde vom Lehrer gelobt. Andere Lehrer besaßen nicht diese Sensibilität.
Haben Sie noch Kontakt zu Herrn Müller?
Einmal habe ich ihn nach Heide eingeladen und wir sind uns zufällig mal in Hamburg begegnet.
Und zu den Mitschüler*innen?
Inzwischen gibt es keinen Kontakt mehr.
Haben Sie auf der Universität die gleichen Probleme gehabt wie auf der Schule?
Nein, ich habe keine Probleme auf der Uni gehabt. Man hatte sehr viel mehr Menschen, mit denen man sich zusammentun konnte, die die gleichen Interessen teilen.
Obwohl meine Kinder keine Sprachprobleme hatten, gab es auf der Grundschule noch manchmal Schwierigkeiten, aber auf dem Gymnasium nicht mehr. Es kommt darauf an, wie selbstbewusst man ist. Wäre ich selbst früher auf der Grundschule selbstbewusster gewesen, hätte ich mich gewehrt. Aber das konnte ich damals nicht. Jetzt kann ich sagen, ich habe das Beste aus der Situation gemacht.
Hatten Sie als Älteste Ihren Geschwistern gegenüber eine Vorbildfunktion?
Ja, dafür haben unsere Eltern die Grundlage gelegt.
Ich denke, die ältere Schwester ist in jeder Kultur immer ein Vorbild. Irgendwann ändert sich das, dann wollen die Geschwister nicht mehr so sein wie die Älteste. Ich habe in Deutschland noch zwei Geschwister bekommen. Ich glaube, dass ich ihnen den Weg geebnet habe, ihnen gezeigt habe, was machbar ist. Ich musste allein zurechtkommen, z.B. bei den Hausaufgaben. Aber ich konnte die Jüngeren, hier Geborenen unterstützen. Meine Eltern konnten mich bei den Hausaufgaben nicht unterstützen, weil sie nicht ausreichend Deutsch konnten. Die jüngeren Schwestern sind jetzt eine Ärztin und eine Juristin, also glaube ich, dass die Vorbildfunktion da war.
Welche Unterschiede, positive wie negative, gab es zwischen der deutschen und der türkischen Gesellschaft?
Was mir hier fehlte, war die Wärme, nicht nur klimatisch, sondern auch zwischenmenschlich.
Als wir in Hamburg lebten, wohnten wir im dritten Stock und ich hatte Angst, die Treppe herunterzugehen, weil es eine böse alte Dame gab. Sie hat immer gegen die Tür geklopft, wenn wir in der Wohnung gespielt haben. Wir waren ihr zu laut. Ich war oft nach der Schule allein zu Hause, weil meine Eltern arbeiteten. Da spürte ich Angst und Unsicherheit.
Wie war es mit den anderen Geschlechterrollen in Deutschland? Sind Ihre Eltern einmal in eine Situation gekommen, in der es Konflikte gab?
Wir sind kurdischer Abstammung und Aleviten. Das ist eine liberale Gruppe. Meine Mutter ist eine selbständige, starke Frau. Die Geschlechterrollen sind bei den Aleviten relativ ausgeglichen. Es gibt aber keine absolute Gleichheit. Der Mann gilt als die Person, die arbeitet. Ein Hausmann würde in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen werden. Also gibt es nach außen hin eine klare Rollenverteilung: Der Vater arbeitet, die Mutter ist Hausfrau. Aber das Innenleben einer Familie sieht oft ganz anders aus. Meine Mutter war die stärkere Kraft.
Ich habe in Deutschland das Deutsch-Sein nicht damit verbunden, dass ich als Frau aufgewertet wurde. Gleichberechtigung ist jetzt in Deutschland das große Thema. Bei mir war sie schon vor vielen Jahren aktuell.
Kulturelle Unterschiede können Schwierigkeiten mit sich bringen, um in eine andere Gesellschaft hineinzuwachsen. Aber für Sie war diese Stufe offensichtlich nicht so groß.
Da ich mich in Deutschland engagiere, sehe ich, dass das tatsächlich ein Problem sein kann. Viele Migrantinnen haben gar nicht den Anspruch, den Männern gleich zu sein. Sie wollen das gar nicht, sondern nehmen die Rolle als Hausfrau und Erzieherin an und sind damit glücklich. Gleichberechtigung sollte ihnen nicht aufgezwungen werden. Von außen betrachtet, wirken die Frauen oft als die Unterdrückten. Ich versuche das bei meiner Tätigkeit zu thematisieren. Das traf aber nur für die erste Generation zu. Für die nächste Generation und ihre Kinder sind Ausbildung oder ein Studium eine Selbstverständlichkeit. Die Frauen möchten nicht mehr so sein wie ihre Mütter. Sie wollen auf eigenen Beinen stehen und nicht mehr von den Männern abhängig sein.
2022 hat die Türkei rund vier Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Zeigen sich in der Türkei dadurch ähnliche Schwierigkeiten wie hier in Deutschland?
Ich lebe hier und kenne mich nur hier aus. Ich bin nur im Urlaub in der Türkei, weil meine Eltern dort leben. Dennoch bin ich sehr daran interessiert, wie es in meiner alten Heimat aussieht. Wir haben jetzt ein Regime an der Macht, welches Migration für seine Zwecke ausschlachtet. Es gibt viele Kriegsgebiete in der Nähe der Türkei und der Staat mischt dabei mit. Erdogan nimmt syrische Flüchtlinge auf und sie erhalten die türkische Staatsbürgerschaft, denn er braucht diese Wähler. Aber sie erhalten keine Unterstützung. Erdogan ist mithilfe vieler Migranten, die er zu türkischen Staatsbürgern gemacht hat, gewählt worden. Es wird ein böses Spiel getrieben, indem man anschließend sagt, sie müssten wieder zurück, da sie nicht zu unserer Gesellschaft gehören. In Deutschland gibt es für die Flüchtlinge Unterkünfte und Versorgung – dieses System funktioniert. In der Türkei funktioniert das nicht. Die Menschen müssen selbst zurechtkommen, was auch zu Kriminalität führt. Der Vergleich zwischen Deutschland und der Türkei fällt schwer, denn in der Türkei läuft überhaupt nichts.
Dennoch gibt es auch hierzulande viele Menschen, die Deutschland ungern als Einwanderungsland betiteln, gar eine Gefährdung in der Zuwanderung sehen.
Was man nicht vergessen darf: Migration gibt und gab es immer; überall auf dieser Welt und nicht nur in Deutschland. Wir Deutschen - ich bin deutsche Staatsbürgerin und beziehe mich somit ein – müssen das akzeptieren. Es geht nicht, dass man alle Grenzen schließt und niemanden hereinlässt. Das zu verstehen, fällt allerdings umso schwerer, je problematischer sich die eigene ökonomische und politische Situation gestaltet. Genau daswegen beziehen sich Menschen auf pseudo-Erklärungen zurück. Z.B., „ohne Migration hätte man weniger Probleme“, wie einzelne es vorgaukeln. Es ist einfach hart, sich das als Migrantin anzuhören und gleichzeitig zu wissen, dass es nicht wahr ist, dass es gelogen ist und dass es dabei einfach nur um Interessen geht.
In Deutschland findet man eher eine Reserviertheit gegenüber Migranten. Gibt es in der Türkei eine größere Herzlichkeit?
Herzlichkeit gibt es in der Türkei nur gegenüber denen, denen man sich ähnlich und gleich fühlt. Ein türkischer Nationalist würde sich niemals mit einer kurdischen Familie anfreunden. Trotzdem gibt es eine größere Wärme unter denen, die sich verstehen, z.B. unter Nachbarn, auch wenn es nur eine oberflächliche Herzlichkeit ist.
Ich möchte ein Beispiel nennen: Wir sind vor kurzem innerhalb von Heide umgezogen. Wir haben 30 Jahre in Heide gelebt und wollten uns nun vergrößern, damit meine Schwiegertöchter und Enkelkinder sich wohl fühlen, wenn sie uns besuchen. Wir sind in ein Gebiet gezogen, wo nicht viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Wir haben alle unsere Nachbarn eingeladen, um sie besser kennen zu lernen. Wir haben zusammen Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Es war toll. Aber dann war auch wieder Schluss. Man begegnet sich, sagt „Hallo“, aber mehr nicht. Wir wünschen uns, dass man, wenn etwas passiert, irgendwo klingeln kann, um um Hilfe zu bitten. Wir werden unsere Nachbarn noch einmal einladen. Man muss sich nicht lieben oder verstehen, aber gute Nachbarschaft ist uns wichtig. Ich vermisse manchmal die warme Zwischenmenschlichkeit. Ich erlebe unter anderem auch immer wieder Fälle, in denen Menschen meinen, einem etwas beibringen zu wollen, weil sie denken, man sei dazu nicht in der Lage. Insbesondere, weil man womöglich einen Migrationshintergrund hat. Das bringt mich auf die Palme, da muss ich mich immer sehr beherrschen.
Gerne würden wir etwas mehr über Ihre persönlichen Interessen und Vorlieben erfahren. Was lesen Sie, welche Musik hören Sie? Kurdische, deutsche, internationale?
Wir lieben Musik. In unserem Haus gibt es immer Musik. Was ich höre, ist von der Stimmung abgängig. Nur deutschen Schlager habe ich nie gehört. Wenn meine Eltern zu Besuch sind, hören wir kurdische und türkische Musik. Mit Freunden höre ich gerne südamerikanische, lebhafte Musik. Wenn ich traurig bin, höre ich portugiesischen Fado. Das trifft mein Innerstes. Obwohl ich nicht alle Wörter verstehe, Fado berührt mich. Mit unseren Kindern hören wir viel internationale Musik.
Was Bücher betrifft, muss ich gestehen, dass ich kaum zum Lesen komme, weil ich, wenn ich abends nach Hause komme, einfach nur kaputt bin.
Momentan interessiert mich die Lage in der Türkei sehr, obwohl ich mich manchmal frage, warum überhaupt. Ich bin hier aufgewachsen, mein Leben findet hier statt, warum interessiert mich dieses Land? Ich habe darauf keine Antwort. Meine Kinder lesen sehr viel, auch kurdische und türkische Literatur. Mein Mann ist auch türkischer Kurde. Er hat in Frankreich gelebt. Er kam von Paris nach Hamburg und von dort nach Heide. Er ist hier nicht so richtig warm geworden. Er ist derjenige von uns beiden, der stärker mit der Türkei verbunden ist.
Was essen Sie?
Mein Mann bereitet gerade zu Hause eine Pizza zu. Er kocht wahnsinnig gerne, auch für Gäste. Er hat sich einen Traum verwirklicht und besitzt jetzt eine Kücheninsel. Er kocht orientalische Speisen, aber auch italienische. Wenn meine Eltern kommen, kochen wir natürlich türkisch.
Was vermissen Sie in Dithmarschen?
Ich hätte es gerne fünf Grad wärmer. Ich fühle mich sonst in Dithmarschen, in Heide, ganz besonders wohl. Noch wohler, seit ich meine politische Arbeit begonnen habe. Das ist eine Bestätigung, die macht einfach Spaß. Wir bewegen damit zwar nicht die Welt, aber es hat mir ein bisschen ein Zuhause gegeben.
Wenn ich jetzt gefragt werde: „Wo bist du zu Hause?“, dann glaube ich, dass ich sagen kann: „In Heide“. Mein Mann sagt hingegen, wenn wir in die Türkei fahren, dass er wieder nach Hause komme. Ich fühle das gar nicht so. Zu Hause ist für ihn dort, wo seine Eltern begraben sind. Ich besitze diese Verbindung nicht, ich bin wahrscheinlich zu früh dort raus. Für mich ist Heide mein Zuhause. Wenn das Wetter besser wäre, dann noch mehr. Ich vermisse so grundsätzliche Sachen wie mehr Miteinander, aber sonst nichts.
Welche weiteren Wünsche haben Sie, politisch Und privat?
Mein Herzenswunsch ist, irgendwie meinen Kindern und Enkeln eine Gesellschaft zu hinterlassen, in der man nicht mehr vom Äußeren ausgeht und Vorbehalte hat. Ich habe zwei Kinder. Einer ist Jurist. Er sagt: „Ich habe die Nase voll, immer erklären zu müssen, warum ich so gut Deutsch spreche.
Warum fragt man nicht die anderen, sondern immer nur mich? Ich muss immer erklären, dass meine Eltern aus der Türkei kommen, aber dass ich in Deutschland aufgewachsen bin. Mein Aussehen hat doch nichts mit meinen Qualitäten zu tun.“
Ich wünsche mir - aber das ist nur schwer zu erreichen, auch in meiner früheren Heimat, wo wir Kurdinnen und Kurden darum kämpfen müssen, anerkannt zu werden - eine Gesellschaft, in der das Aussehen und die Herkunft keine Rolle mehr spielten.