Maan Charaf El Dine

Aus welchen Gründen hast Du den Libanon verlassen?

Wir sind im Krieg aufgewachsen. Für uns war das normal: der Bürgerkrieg. Du weißt nicht, wie die Leute in anderen Ländern ihr Leben gestalten. 1988 habe ich mein Abitur gemacht. Mein Ziel war die Militärschule, ich wollte Offizier werden oder, wenn das nicht klappt, Kinderarzt. Wie man halt in jungen Jahren ein Ziel hat. Ich gehörte damals zu einer Clique, die sich in alle Welt zerstreut hat. Zwei gingen nach Schweden, einer nach Wien, drei nach Sydney, einer in die USA und zwei nach Kanada. Wir haben noch heute Kontakt über soziale Medien und treffen uns mindestens einmal jährlich. Wir sind im Krieg aufgewachsen, das schweißt zusammen. Ich habe nie daran gedacht, den Libanon zu verlassen. Aber eines Tages fragte mich die Mutter eines Freundes, was ich noch im Libanon wolle, da alle anderen weg seien. Sie sagte: „Du bist der Einzige, der noch hier ist. Hast du hier noch eine Zukunft?“ Das gab den Ausschlag. Eigentlich wollte ich es meiner Familie nicht antun. Ich hatte alles, was ich wollte. Nun machte ich mir Gedanken darüber, mein Leben im Ausland neu zu gestalten. Freunde in Schweden und Berlin sagten mir, dass ich dort neu anfangen könne.
1989 wurde der Libanon geteilt. Die Militärschule lag im christlichen Teil, ich bin Moslem. Damit war der Besuch der Schule nicht mehr möglich: Das war ausschlaggebend. Daraufhin habe ich einen Pass beantragt, was problematisch war, weil ich in dem Teil des Libanons lebte, der international nicht anerkannt wurde. Als ich meiner Familie sagte, dass ich ausreisen wolle, war das ein Drama. Vor allem meine Mutter hat sehr gelitten.
Es war damals sehr hart, denn du wusstest nie, wie es weitergeht. Wir waren illegal unterwegs. 1990, die Mauer war gerade gefallen, sind wir in Warschau gelandet und Tag und Nacht zu Fuß über die Grenze nach Deutschland gelaufen. Schließlich landete ich in Ost-Berlin. Damals konnte man noch nicht einmal ohne weiteres mit jemandem im Westteil telefonieren. Ein Taxi-Fahrer hat mir bei der Kontaktaufnahme mit meinem Freund in West-Berlin geholfen, der mich dann abgeholt hat. Am 4.3.1990 sind wir in Warschau gelandet und am 10.10.1990 in Deutschland angekommen. So lange waren wir unterwegs.

War Deutschland dein eigentliches Ziel?

Nein, eigentlich wollte ich nach Schweden, weil dort gute Freunde lebten, die mich unterstützen konnten, bei Anträgen und Behördengängen. Man hatte ja von nichts Ahnung. In Polen halfen mir keine Sprachkenntnisse. Man sprach weder Englisch noch Französisch. Es drohte die Abschiebung. Ich versuchte über Kopenhagen nach Malmö zu kommen Ich wurde festgenommen, saß zwei Wochen im Gefängnis und wurde von Kopenhagen zurück nach Flensburg geschickt. Ein Bekannter in Pinneberg empfahl mir, in Schleswig-Holstein und nicht in Berlin einen Asylantrag zu stellen, weil die Aussichten besser seien. Man fühlte sich wie ein hilfloses Kind, weil man nicht Deutsch reden konnte. Ich stellte also den Antrag in Pinneberg und wurde zunächst zwei bis drei Wochen in einem Auffanglager bei Itzehoe untergebracht. In Pinneberg fühlte ich mich wohl, weil mein Schulkamerad dort lebte und wir gemeinsam etwas unternehmen konnten. Mein Vorteil war, dass ich aus dem Arabischen ins Englische übersetzen konnte. Mit einer jungen Frau aus Meldorf war ich als Dolmetscher unterwegs. Auf ihren Rat habe ich Heide als Wohnort ausgewählt. Eigentlich hätte ich es mir nie vorstellen können, in Heide zu bleiben. Anfangs war es eine schlimme Zeit. Ich hatte mit einem Beamten zu tun, der nur Deutsch sprechen wollte. In Büsum habe ich dann einen Libanesen kennen gelernt, der mich als Aushilfe in einem Restaurant eingestellt hat. Mein Landsmann hat mich unterstützt. Ich wollte in Kiel studieren, wurde aber wegen der fehlenden Aufenthaltsgenehmigung abgelehnt.
1994 endete der Krieg im Libanon, damit war mein Anrecht auf Asyl aufgehoben. Aber ich wollte nicht zurück, ohne Studium und Zukunftsperspektive. Nach drei Jahren ohne einen Erfolg zurück, das empfand ich als peinlich. Ich war ausgereist und nun wollte ich bleiben.
Mein Arbeitgeber, Herr Stange, hat mir sehr geholfen. Z.B. bei Behördengängen oder beim Ausfüllen von Anträgen. Ich dachte, jetzt gibt es jemanden, der dich unterstützt, jetzt kannst du es schaffen. Heute helfe ich Leuten mit solchen Problemen, wie ich sie damals hatte, weil ich selbst erlebt habe, wie schwer es war.

Was hat sich von damals bis heute geändert? Ist es besser geworden?

Es gibt mehr Dolmetscher. Es ist einfacher, Hilfe zu bekommen. Die Chancen eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis zu erlangen, sind größer. Es gibt mehr Menschen, die Unterstützung bieten

Welche Bedeutung hatte die Sprache?

Ich musste Deutsch lernen, weil ich sonst mit niemandem reden konnte. Gezwungenermaßen. Ich bin froh darüber. Heute ist vieles auch auf Arabisch möglich, da schon mehr Leute hier leben, die Arabisch sprechen. Das ist eher ein Nachteil. Ich betone immer, wie wichtig es ist, Deutsch zu lernen. Damals kannte ich keinen Menschen und konnte mich nicht verständigen. Heute kann man ohne Deutschkenntnisse auskommen. Damals gab es keine Sprachkurse. Ich habe mir die Bild-Zeitung gekauft und vor allem die Sportseiten mithilfe eines Englisch-Deutsch-Wörterbuches übersetzt. Ich habe mir die Sprache selbst beigebracht.

Hast du dir weiter Gedanken gemacht, ob du in Heide bleiben oder nach Schweden weiterziehen wolltest?

Anfangs ja, solange ich noch keine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Seit ich die Genehmigung besaß, machte ich mir keine Gedanken mehr darüber, hier wegzugehen. Das ist jetzt 30 Jahre her.

Wie ist es mit dem Job weitergegangen?

Wie gesagt, habe ich in Büsum bei Herrn Stange gelernt und bin 1996 dort Küchenchef geworden, als der alte Küchenchef aufgehört hat. 1991 bis 1998 habe ich in dem Restaurant in Büsum gearbeitet. Dann wollte Herr Stange aufhören. Er hat mich dem Betreiber eines italienischen Restaurants in Büsum als Geschäftsführer empfohlen. Als mir der Vorschlag unterbreitet wurde, war ich erst skeptisch, da ich mir diese Aufgabe nicht zutraute, aber der Betreiber versprach mir, mich zu unterstützen. Darauf stellte ich zwei Bedingungen:

1. Ich wollte keine Italiener als Mitarbeiter.
2. Ich wollte die Speisekarte selbst schreiben.

Als mir dies zugesagt wurde, habe ich zugestimmt. Ich habe nichts gegen Italiener. Ich habe viele italiensche Freunde. Aber ich wollte nicht, dass meine Mitarbeiter Italienisch sprechen und ich nichts verstehe. Ich gewann weitere Freunde als Mitarbeiter. 1999 habe ich mich dann selbständig gemacht, das Restaurant übernommen und bis 2009 geführt.
Ich fasste den Plan, nach Heide zu gehen, weil in Büsum nur im Sommer Betrieb war. Im Winter gab es kaum Gäste.
Wieder kam mir ein Zufall zur Hilfe: Bei einem Fußballspiel in Hamburg lernte ich Herrn Feldhusen kennen, mit dem ich über meine Pläne sprach. Etwa ein bis zwei Jahre später, an einem Sonntagnachmittag, rief mich Herr Feldhusen an und erklärte mir, dass er mehrere Objekte in Heide gekauft habe. Er bot mir an, eines davon für mein Restaurant auszusuchen. Ich entschied mich für das Gebäude beim Wasserturm und eine Woche später begann die Planung mit einem Architekten. So entstand das heutige Restaurant.

Du bist in Heide gut vernetzt. Fühlst du dich hier zu Hause?

Ich bin auch gerne im Libanon. Ich besuche regelmäßig meine Familie und die Stätten meiner Jugend. Aber wenn ich zwei bis drei Wochen im Libanon bin, will ich wieder nach Heide zurück. Hier ist mein Zuhause.

Was vermisst du am meisten aus deiner alten Heimat?

Das Zusammenleben und den familiären Zusammenhalt. Aber es gibt viele positive Dinge in Dithmarschen. Man kann vieles erreichen, sein Leben selbst verwalten. Darüber bin ich sehr froh.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Menschen in Dithmarschen und im Libanon?

Wenn du in Dithmarschen Freunde findest, dann hast du gewonnen. Man kann sich immer auf sie verlassen. Im Libanon kann man mit jedem befreundet sein, aber die Freundschaften sind nicht immer dauerhaft. Es ist in Dithmarschen schwerer jemanden kennen zu lernen, aber es gibt eine größere Beständigkeit. Man kann jederzeit um Hilfe bitten. Ich bin in Dithmarschen gut vernetzt. Wichtig waren auch die Kontakte beim Sport. Ich bin als Fußballtrainer tätig.
Natürlich gibt es auch Leute, die einen schief ansehen, aber die gibt es überall.

Haben deine Freunde in Schweden oder anderswo ähnliche Erfahrungen gemacht wie du?

Anfang war es in Schweden einfacher, alles war offener. Aber inzwischen ist die Stimmung gekippt. Sydney ist eine andere Welt. Von dort kann man nicht einfach mal nach Hause fliegen. Ich fliege gerne, doch der Flug in den Libanon dauert über 14 Stunden. Von hier bin ich in ca. 3 ½ Stunden dort, wenn z.B. jemand aus der Familie mich braucht.

Was hältst du von der Dithmarscher Küche?

Wir haben auch Dithmarscher Gerichte auf unserer Speisekarte, die guten Anklang finden. Zunehmend auch bei jungen Leuten. Das finde ich klasse.

Welche Musik hörst du?

Ich höre gerne deutsche Musik, z.B. Grönemeyer oder Nena. Neulich war ich auf einem Konzert von Helene Fischer.

Liest du eher deutsche oder arabische Literatur?

Ich lese auf Deutsch. Ich habe auch viele arabische Bücher, aber ich habe keine Zeit, sie zu lesen. Ich denke und träume mittlerweile auf Deutsch.

Wachsen deine Kinder zweisprachig auf?

Sie sprechen deutsch und englisch. Sie können sich auch auf Arabisch verständigen.

Hast du noch irgendwelche Ziele und Erwartungen, die du verwirklichen möchtest?

Ich möchte glücklich, in Frieden und gesund mit meiner Familie leben. Großartige Wünsche habe ich nicht. Ich habe meine Familie und meine Freunde, bin gerne unter Menschen und habe viele Kontakte. Ich fühle mich nicht als Fremder. Ich gehöre dazu und werde akzeptiert.