Olaijde Bisiriyu

Wann sind Sie nach Deutschland gekommen? Wie haben Sie sich im allerersten Jahr gefühlt? Welche Erlebnisse, Hoffnungen, Ängste gab es?

Ich kam 2012 mit meiner Frau nach Deutschland. Ich hatte vorher ein Job-Interview, das gut verlief, und so schien es mir O.K. zu sein. Heide ist eine Kleinstadt. Ich stamme aus Lagos in Nigeria, einer Millionenstadt. Studiert habe in Cluj in Rumänien, einer Stadt mit ca. 400.000 Einwohnern. Das ist ein riesiger Unterschied im Vergleich zu Heide, aber ich war positiv überrascht, wie schön es war. Mein erster Eindruck war gut. Am Bahnhof wurden wir von einem Taxi, einem Mercedes-Benz, abgeholt, da dachte ich: „So läuft das hier.“
Aber dann fing der Druck an. Ich war mit meiner Frau in einem fremden Land und wir kannten niemanden. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir es hinbekommen. 2009 hatte ich angefangen, Deutsch zu lernen, und das Level B2 erreicht. Ich dachte, ich könnte alles verstehen. Aber wenn man hierherkommt und die Leute zu reden anfangen, dann denkt man: „Ooh, nochmal? Ich verstehe Dich nicht.“ Aber man muss einfach nur dableiben, nicht aufgeben, weiterleben. Man muss weiter sprechen und zuhören, dann bekommt man es hin. Es ist besser geworden mit der Sprache, ich konnte das Meiste verstehen. Am Ende hat es sich gelohnt, glaube ich.

Hat Sie das WKK dabei unterstützt?

Ja, es gab eine ganz große Unterstützung vom WKK, z.B. durch den Geschäftsleiter, der uns während eines Deutschkurs‘ in Polen persönlich besucht hat. Wir bekamen eine Wohnung vermittelt. Am Anfang gibt es die Angst, dass Du es in Deutschland hinkriegen musst mit einer fremden Sprache. Man muss überlegen, ob das Geld reinkommt, ob man alles bezahlen kann, denn das Leben muss weiterlaufen. Das ist die Angst, aber wenn man Unterstützung bekommt, durch den Arbeitgeber, und wenn man Freunde hat, dann ist es zu schaffen. Wir hatten einen Freundeskreis, der auch aus Ausländern bestand. Wir konnten immer über unsere Probleme sprechen. So waren wir nicht einsam, wir konnten unsere Erfahrungen austauschen. Man sieht, dass es nicht nur bei sich selbst Probleme gibt. Ohne das ist es schwierig. 
In meiner Abteilung sind auch andere gleichzeitig mit uns gekommen, z.B. ein Oberarzt und ein Facharzt aus Spanien und wir alle konnten noch nicht richtig Deutsch sprechen. Dadurch hat man nicht so viel Druck, als wenn man alleine ist. Man bekam immer wieder auch negative Eindrücke von einigen Mitarbeitern. Man kann nicht immer 100%ig positive Rückmeldungen von anderen Leuten bekommen. Das ist einfach so, es geht nicht anders, es ist normal. Aber die Mehrheit der Leute hat uns unterstützt.

Waren Sie bereits in Rumänien Facharzt?

Nein, man muss, wenn man aus einem anderen Land kommt, erst eine Weiterbildung machen. Nicht alle Abschlüsse werden sofort anerkannt. Es kommt darauf an, aus welchem Land man kommt. Man muss also wieder neu anfangen und Einiges wiederholen, bis man fertig ist.

Gibt es keine EU-Regeln?

Damals war es noch neu. Heute wird vieles anerkannt, aber damals musste man noch vieles wiederholen. Es kommt darauf an, aus welchem Land man kommt.

Was war für Sie ungewöhnlich, als Sie nach Deutschland kamen? Was haben Sie als anders empfunden? Was hat Sie geschockt?

Ich habe mein Medizin-Studium in Nigeria angefangen und wegen fehlender Infrastruktur mich entschieden, das Studium dort abzubrechen und eine Universität in Europa aufzusuchen. So bin ich nach Rumänien gelangt. Jeden Sommer bin ich nach England gegangen, um etwas Geld zu verdienen. Von daher kannte ich europäische Länder, ich wusste, wie europäische Länder sind. Also war es kein Schock, als ich hierherkam. Es ist nicht so viel anders als in Rumänien. Deutschland st schon ein enwickelteres Land als Rumänien, aber einen Kulturschock habe ich nicht gehabt.

Von Rumänien sind Sie also gleich nach Dithmarschen gekommen. Von anderen Migranten hörten wir, dass sie das Wetter schrecklich fanden.

Jaah.

Gelächter

Ja, das Wetter war ein Schock. Wir sind im Juni gekommen, da war das Wetter sehr gut. Aber der Dezember ist der Hammer. Im Sommer ist es O.K., angenehmer, auch im Vergleich zu meinem Land, dort sind es im Sommer 40 Grad. Der Sommer hier ist gut, aber der Winter ist harsch.

Wie oft reisen Sie noch nach Nigeria?

Nach 2005 bin ich noch zweimal dorthin geflogen. Meine Eltern wohnen jetzt bei meinem Bruder in den USA, meine Schwester lebt noch in Nigeria. Wenn die Eltern da sind, muss man immer wieder hin, aber nicht, wenn man niemanden mehr dort hat. Mein Bruder und ich, wir unterstützen die Leute dort in der Corona-Situation, daher war ich zuletzt noch einmal dort.

Wir hören häufig, dass die Dithmarscher im Umgang so ein bisschen verschlossen sind. Ist das eine Erfahrung, die Sie teilen können.

Wie meinen Sie das?

Die Dithmarscher sind keine Leute, die gleich auf andere zugehen.

Ja, wenn man Kontakte haben will, dann muss man sich Mühe geben. Aber es gibt Leute, die richtig offen sind. Wir sind gut aufgenommen worden und angekommen in Lunden Natürlich nicht von allen, aber das ist nun mal so. Wahrscheinlich werde ich akzeptiert, weil ich Arzt bin. Das eröffnet Perspektiven, die Leute wollen etwas von mir.

Sie helfen ihnen.

Exakt. Ich gebe Hilfe, sie brauchen Hilfe. Es ist dann etwas anderes.
Es ist schwer, Kontakt mit Deutschen zu haben. Wie bekommt man das hin, außer vielleicht durch Kontakt mit Arbeitskollegen oder Nachbarn?
Zum Beispiel, bei uns in Nigeria ist es anders, da geht man offener miteinander um, aber hier muss man sich Mühe geben. Ich erinnere mich an eine Situation in der Anfangszeit, als wir in eine Kirche gingen. Wenn man bei uns in eine Kirche geht, wird man sofort freundlich in Empfang genommen. Dann sagt der Pastor: Hallo Neue, steht doch mal auf. Hier geht man hinein und wieder heraus. Natürlich gucken die Leute, stellen fest, dass man dunkelhäutig ist. Sie sind neugierig, aber das war es dann. Wenn ich häufiger hinginge, wäre es vielleicht anders. Das wäre ein Ort, wo man Freundschaften findet, aber anfangs ist es ein Problem.
In Lunden gibt es Migranten, die werden fast verrückt. Sie sitzen zu Hause und haben nichts zu tun. Sie fragen mich, was sie tun sollen, sie können keinen Deutschkurs besuchen. Am Anfang habe ich ihnen nicht geglaubt. Ich dachte es stimmt nicht, aber es stimmt doch. Dann dachte ich, wie ich helfen kann. Der ist zu Hause, hat keine Arbeit, der kann nicht reden, der sitzt einfach nur da. Da bekommt man Depressionen. Das ist schwer. Ich frage: „Warum bist Du schon ein Jahr da und kannst noch nicht Deutsch sprechen?“ Man kann zwar auch zu Hause lernen, aber man muss mit jemandem sprechen. Meine Frau arbeitet jetzt bei der Behörde. Sie hat Bücher für mich organisiert. Die gebe ich an diese Leute weiter. Ohne Deutschkenntnisse geht es nicht weiter, das kannst Du vergessen. Nur wenn Leute die Sprache können, können sie weiter hier vernünftig leben. Die Betroffenen sagen: „Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe nichts. Ich war schon auf dem Amt, aber man konnte mir nicht helfe.“ Die Behörden sind auch überfordert. Da muss ein Konzept entwickelt werden, so kann es nicht weiter gehen.

Was von dem, was Sie aus Ihrer Heimat kennen, fehlt Ihnen hier am meisten?

Wir haben einen Freundeskreis, wir treffen uns an Wochenenden. Wir kennen uns vom WKK als Arbeitskollegen. Wir feiern Weihnachten zusammen, machen Partys für unsere Kindern. Wir haben auch deutsche Freunde. Es ist schön zu Hause in Nigeria mit der Familie zu sein, aber ansonsten bin ich hier zufrieden.

Haben Sie noch Freunde aus Ihrer Zeit in Rumänien?

Ja ich habe noch Freunde und ehemalige Kollegen, aber so viel Kontakt hat man nicht mehr, leider.

Sind Sie jetzt hier verwurzelt oder planen Sie, sich in der Zukunft noch einmal zu verändern?

Innerhalb Deutschlands nicht, wir bleiben in Dithmarschen.

Wenn Sie nicht gerade Medizinisches lesen, welche Literatur lesen Sie und welche Musik hören Sie?

Ich höre deutsche und nigerianische Musik, auch internationale. Ich habe mir anfangs Bücher gekauft, die Geschichten gelesen. Ich lese auch viele Krimis.

Auf Deutsch oder Englisch?

Gemischt.

Welche Sprachen sprechen Sie? Deutsch, Englisch, Yoruba, auch Rumänisch oder Französisch?

Ich spreche Yoruba, Englisch, ein bisschen Rumänisch und natürlich Deutsch. Beim Studium brauchte ich kein Rumänisch, weil es auf Englisch stattfand. Aber man braucht es, wenn man dort lebt. Also habe ich gelernt, was ich zum alltäglichen Leben brauchte.

Wenn Sie kochen, was ist dann Ihr Lieblingsgericht?

Ich koche gerne nigerianisch. Wir haben Wurzeln, Yam zum Beispiel, wir haben Gries, aber so mit Suppen. Alles, was ich dazu brauche, kaufe ich in Hamburg, weil es dort einen nigerianischen Laden gibt. Aber in letzter Zeit koche ich auch deutsche Gerichte, Kartoffeln, Kohl, Spargel.

Gibt es noch etwas, das Sie sich wünschen, was sie verwirklichen möchten?

Ich wünsche mir noch mehr Akzeptanz. Am Anfang meiner Zeit in Heide war ich einmal mit meiner Frau in der Innenstadt unterwegs, als mein Vater anrief. Natürlich habe ich mit meinem Vater auf Yoruba gesprochen. Da kam jemand zu mir, das war hinter dem Rathaus da, der schrie mich an: „Du sprichst unsere Sprache hier in Deutschland oder geh zurück in Dein Land!“ Aber das war ein einzelner Fall innerhalb von sechs Jahren.

Da kommt es auch auf den Bildungsstand der Leute an.

Ja, natürlich, und deswegen sage ich ja, dass es nur ein Vorfall war. Andererseits aber wünsche ich mir noch mehr Kontakte zu Deutschen, mehr Offenheit. Wenn es mehr Kontakte gibt, kann man sich auch besser miteinander verstehen, als wenn man nicht miteinander spricht. Nur durch Kommunikation kann man auch die Meinung ändern.

Hat sich in den gut zehn, die Sie hier sind, etwas in der deutschen Gesellschaft verändert, was Offenheit betrifft?

Ich glaube schon. Aus meiner Perspektive hat es sich geändert. Ich habe täglich mit Deutschen zu tun, von daher kann ich nur Positives erzählen. Leute mit geringerer Ausbildung haben vielleicht andere Erfahrungen.
Ich habe enge Kontakte mit Patienten. Und es ist auch wirklich so, wenn man etwas in der Gesellschaft tut, dann wird man am Ende auch Kontakt haben. Je mehr man tut, desto mehr Kontakte wird man haben. Und nur so trägt man diese auch in die Gesellschaft hinein.

Hat das auch etwas mit dem Alter zu tun? Sind ältere Menschen reservierter als jüngere? Gibt es da Unterschiede bei Kontakten?

Ja, ein bisschen. Ich bin Geriater, ich arbeite mit alten Leuten. Ja, am Anfang der Behandlung ist die Akzeptanz oft anders bei älteren Leuten als bei jüngeren. Junge Leute sind offener. Es ist eine andere Generation. Aber so große Unterschiede habe ich nicht bemerkt. Ich habe einen Nachbarn, der schon älter ist. Jedes Mal, wenn ich draußen bin und ihn mit seinem Rollator sehe, bleiben wir stehen und reden miteinander und kommunizieren. Der andere Nachbar ist noch jung, mein Alter, wir sprechen miteinander. Von daher glaube ich, ist es nicht so schwer. Es kann immer besser sein, klar. Am Anfang kann es sein, dass die Leute gucken. Heutzutage bemerke ich das nicht mehr so. Ich habe keine Zeit, darauf zu gucken, wie mich jemand anschaut. Aber dennoch merkt man es, wenn man als Farbiger irgendwo hinkommt. Wenn meine Frau irgendwo hinkommt, kann man nicht merken, dass sie anderswo herkommt, aber bei mir schon. Aber das ist nicht negativ, es ist ja normal. Würdet ihr nach Nigeria kommen, würden die Leute auch gucken.

Gibt es signifikante Unterschiede zwischen der deutschen und der rumänischen Gesellschaft?

Ja, es gibt natürlich Unterschiede. Die Rumänen sind offener, sie sind direkter. Die Leute sprechen Dich unbefangen als „Negru“ an, ohne es böse zu meinen. „Negru“ bedeutet auf Rumänisch „schwarz“. Trotzdem denkt man sich dann: Aufhören!
Einige wollen Dich dann auch kennen lernen. Man begrüßt sich herzlich, fasst sich an, das ist eine andere Perspektive.
Hier sind die Leute, die zu Dir kommen, neugierig, sie wollen Dich kennen lernen, halten aber doch Distanz. Es ist eine andere Gesellschaft. Aber man kann nicht so einfach sagen, die sind freundlicher und die sind nicht so freundlich. Es liegt an der Kultur, an der Ausbildung in einem Land. Es gibt so viele Faktoren, von daher ist es schwer, zu vergleichen, wie man aufgenommen wird, in Großbritannien, in Rumänien oder hier. Es sind andere Kulturen. Das spielt eine Rolle. Das muss man nicht immer negativ nehmen, es ist einfach so. Wahrscheinlich ist es O.K., wenn man weiß, wo die Grenze ist, und daher sozusagen zivil.