Wie kam es, dass Du nach Heide gekommen bist?
Es war wegen meiner Liebesgeschichte. Ich komme aus Rumänien und während meines Studiums, habe ich meinen –damals zukünftigen - Mann kennengelernt. Er kommt aus Nigeria. Ziemlich früh in unsere Beziehung sagte er mir, dass er nach Deutschland wolle, weil er dort seinen medizinischen Beruf ausüben möchte. Weil wir zusammen sein wollten, habe mich mit dem Auswanderungsgedanken angefreundet. Er hat einen Job beim WKK in Heide erhalten und so sind wir hierhergekommen. Ich freue mich, dass ich damals diese Entscheidung getroffen habe, weil ich hier allgemein glücklich bin.
Wir verlief Dein erstes Jahr? Wie hast Du Dich gefühlt? Welche Herausforderungen gab es?
Ich würde differenzieren. Wir wussten, dass wir nach Deutschland gehen. Wir hatten ein paar Monate Vorbereitungszeit. In Rumänien habe ich angefangen, mit einem Deutschbuch die Sprache selbständig zu lernen. Dann habe ich festgestellt, dass es in Heide eine Fachhochschule gibt. Ich habe mich dann an der Fachhochschule Westküste um einen Studienplatz beworben und später dort meinen Master auf Englisch gemacht; währenddessen habe ich die deutsche Sprache an der VHS in Heide gelernt habe. Da wir im Sommer nach Deutschland kamen, musste ich zwei Monate bis zum Studienbeginn warten. Die ersten Monate waren knallhart, ich kannte niemanden. Mein Mann arbeitete von circa 8.00 bis etwa 17.00 Uhr im Krankenhaus. Er war anfangs überfordert, mit allem fertig zu werden. Es gab noch Sprachprobleme und er hatte ja noch keine Berufserfahrung. Weil er eigene Probleme hatte, konnte ich nicht über meine Einsamkeit sprechen. Es war sehr schwer. Ich hatte kurz den Gedanken, nach Rumänien zurückzukehren. Das hat mich erschreckt. Es konnte nicht sein, dass ich einfach abhaue. Da habe ich mich entschlossen, mir eine Beschäftigung zu suchen. Ich habe meine Liebe zur Malerei entdeckt und das hat mich gerettet. Dann begannen das Master-Studium und die Sprachkurse an der VHS. Ich habe andere Studenten kennengelernt, Freundschaften geschlossen. Seitdem war alles einfacher, sobald man Kontakte mit anderen Leuten hat. Jetzt, elf Jahre später bin ich immer noch mit vielen Menschen sehr eng befreundet, die ich damals kennengelernt habe. Die meisten sind selber Einwanderer und unsere Migrationsgeschichte hat uns sehr verbunden. Diese Freunde sind inzwischen fast wie eine Familie geworden und sie haben einen großen Einfluss auf meine positive Migrationserfahrung. Dafür bin ich sehr dankbar
Gab es besondere Erlebnisse, Momente oder Herausforderungen?
Im ersten Jahr oder insgesamt?
Insgesamt
Ein besonderes Moment war, als ich das Studium angefangen habe. Endlich mal neue Leute kennenlernen, andere Kulturen… das war aufregend uns sehr interessant. Ich hatte allgemein eine große Begeisterung, etwas Neues zu lernen. Ich wollte neue Erfahrungen sammeln. Wir sind gereist, haben die Gegend erkundet. Wir sind auch ins Ausland gereist, denn mein Mann hat Geld verdient. Es war ein anderes Leben als in Rumänien. Dort hatte ich mit meiner Mama in einer kleinen Stadt gelebt. Es hat irgendwie eine neue Welt für mich geöffnet, ich war offen für alles. Die deutsche-Sprache war natürlich eine Herausforderung, aber nicht in negativem Sinne, denn ich war bereit, zu lernen. Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Sobald man Deutsch spricht, wird man von den anderen angenommen. Man spürt seitens der Einheimischen keine großen Barrieren mehr. Ich glaube, es ist ein Problem, wenn Migranten nicht so gut Deutsch sprechen können, so dass sie kein großes Selbstbewusstsein entwickeln können. Sie isolieren sich manchmal in ihren eigenen Gruppen, wo man die Muttersprache sprechen kann. Dann werden sie oft als „die Anderen“ von manchen Mitgliedern der Gesellschaft wahrgenommen und in manchen Fällen, kann das auch eine Grundlage für Diskriminierung bedeuten.
Ich wünsche mir, dass wir als multikulturelle Gesellschaft uns mehr auf unsere Gemeinsamkeiten fokussieren würden und weniger auf das, was uns unterscheidet.
Es gibt universelle Erfahrungen, Vorlieben, die ähnlich sind, egal woher man kommt, und da gibt es ein Verbindungspotential. Lasst uns entdecken, welche gemeinsamen Hobbies wir haben, was wir zusammen gerne unternehmen können und was uns verbindet. Lasst uns diese Brücke bauen und wir werden entdecken, dass wir doch nicht so unterschiedlich sind, obwohl wir aus anderen Kulturen kommen.
Natürlich sind auch die Unterschiede faszinierend, interessant und als Lernmöglichkeit vorhanden, aber für ganz viele Menschen werden die kulturellen Unterschiede als Hindernis gesehen, Verbindungen mit anderen Menschen aufzubauen. In diesem Fall, soll man die Gemeinsamkeiten suchen und von dort anfangen, die anderen Menschen wahrzunehmen.
Welche Erfahrungen hast Du mit der deutschen Bürokratie gemacht?
Anfangs hat das WKK geholfen. Als wir in Heide ankamen, hat der Leiter der Personalabteilung uns am Bahnhof in Empfang genommen. Man hat uns eine Wohnung zur Verfügung gestellt, uns beraten und uns zu Banken, der Ausländerbehörde und den Versicherungen begleitet. Das hat uns sehr geholfen und danach mussten wir uns mit der Bürokratie zurechtfinden aber das lernt man ja auch.
Welche Dinge aus Deiner alten Heimat vermisst Du in Heide am meisten?
Definitiv die Familie. Ich möchte, dass meine Kinder Beziehungen zu ihrer Oma haben. Deshalb besuchen wir jedes Jahr die Oma für eine Woche. Wir haben hier auch Freunde, aber die Nähe zur Familie fehlt. Es ist sehr schwer, dass ich nicht nahe bei der Mama sein kann, wenn sie krank ist. Man sieht sich natürlich regelmäßig via Videocall aber es ist nicht das gleiche als ein Treffen in Präsenz. In meiner eigenen Kindheit haben meine Oma und Opa eine sehr große Rolle gespielt, sie haben meine Erfahrungen sehr positiv geprägt und ich bin sehr traurig, dass meine beiden Kinder nicht die Möglichkeit haben, ihre Großeltern in der Nähe zu haben. Die Entfernung zu der Familie ist der größte Nachteil des Migrantenlebens, aber man kann nicht alles haben…
Was auch fehlt, ist die Spontanität. Hier muss man alles planen, alles ist viel geregelter. Das ist auch gut so, weil man mehr schafft. Aber auf die Dauer belastet es mich, weil ich ständig mit den Augen auf die Uhr sein muss und das bringt einen gewissen Stress mit. Außerdem, meistens kann ich nicht spontan tun, wozu ich gerade Lust habe.
Ja, das ist so eine deutsche Macke.
Am Anfang fand ich es toll. Man weiß, man schafft mehr, wenn man plant. Aber hier kann man sich nicht so spontan bewegen.
Wie sieht es bei Dir mit der Küche aus oder mit der Musik. Kochst Du eher Rumänisch oder Deutsch? Welche Musik hörst Du?
P.: Ich habe ein paar rumänische Lieder auf Band, aber ich höre sie eher nicht. Musik löst Gefühle aus, ich muss an meine Mama denken, an meine Heimat... Das möchte ich blockieren, also höre ich sie lieber nicht. Ich koche international, aber auch Gerichte, die ich von Mama gelernt habe. Ich möchte auch, dass meine Kinder sie kennen lernen. Kochen ist aber leider nicht meine Leidenschaft
Wachsen Deine Kinder bilingual auf? Sprechen sie auch Yoruba, die Sprache Deines Mannes?
Sie wachsen dreisprachig auf. Ich spreche mit ihnen meistens Rumänisch, mein Mann spricht mit den Kindern Englisch und Deutsch lernen sie natürlich in der Kita, beziehungsweiße Schule. Yoruba spricht mein Mann mit den Kindern noch nicht, aber vielleicht in der Zukunft.
Wenn Du nach Rumänien reist, stellst Du dort fest, dass Du schon typische deutsche Macken angenommen hast? Gibt es Anpassungen an deutsche Verhaltensweisen?
Meine Familie sagt, dass ich es, wenn es um Termine, Pünktlichkeit und Genauigkeit geht, wie die Deutschen mache. Bei uns geht man zum Beispiel spontan zum Arzt. Wenn ich Mama frage, warum sie keinen Termin ausgemacht hat, sagt sie: „Du verhältst die wie eine Deutsche.“ Ja, man übernimmt unterbewusst manche Verhaltensweisen.
Was willst Du noch in Deinem Leben erreichen? Wollt ihr hier in Heide bleiben oder noch innerhalb Deutschlands umziehen oder ausreisen?
Es gibt keinen Plan, wegzugehen. Wir fühlen uns hier zuhause. Wir haben ein Haus gekauft, die Kinder fühlen sich wohl; wir sind mit unseren Berufen zufrieden. Es gibt keinen Grund, wegzuziehen. Wir bleiben hier. Wir haben einen großen Freundeskreis, dafür sind wir dankbar. Ich glaube nicht, dass wir wegziehen werden, vielleicht, wenn wir in Rente gehen.
Was findest Du in Dithmarschen besonders schön?
Die Menschen sind nett, höfflich, freundlich und sehr hilfsbereit. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber ich finde, dass die Dithmarscher*innen sind doch offen zu anderen Kulturen und es gibt ganz viele Projekte in Richtung Integration/Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund.
Es gibt Ordnung und Struktur in der Gesellschaft und die Regeln werden oft eingehalten.
Was ich nicht besonders schön finde, ist das Wetter.
Gelächter. Das haben wir heute schon einmal gehört.
Wenn man aus dem Süden kommt, empfindet man den Herbst und Winter als besonders lang. Es gibt auch keinen richtigen Schnee, sondern alles ist grau und dunkel.
Für Familien mit Kindern ist es optimal, hier zu leben, weil man vor Ort alles hat. Man muss nicht viel herumfahren, sondern alles ist in der Nähe. Was man braucht, ist vorhanden.
Ich wünsche mir ein größeres Kulturleben. Ich mag Kunstausstellungen, Konzerte, verschiedene kulturelle Veranstaltungen. Ich wünsche mir, dass hier mehr davon stattfände.
Was schätzt Du noch besonders?
Zum Beispiel die Landschaft, meine „neue“ Heimat – Dithmarschen-, die Nordsee… Sie bildet das Motiv für meine Bilder. Ich habe zwei Hauptsujets: abstrakte Landschaften und Figuren (etwa Menschen, Menschen mit Kindern). Ich bezeichne meine Landschaftsbilder als ‚mindscapes’ (Vorstellungswelten); es geht um Gefühle. Die Figurenbilder sind meine Art auszudrucken, wie wichtig die menschlichen Beziehungen für mich sind. Es geht viel um Mutter-Kind-Beziehungen, weil ich selber Mutter bin und die Verbindung zu meiner eigenen Mama mich emotional sehr beschäftigt.
Wie siehst Du Deine weiteren beruflichen Perspektiven?
Ich wollte gerne einen Job haben, mit dem ich nicht nur Geld verdiene, sondern für den ich auch eine Leidenschaft hege. Das habe ich gefunden bei meiner Arbeit beim Kreis Dithmarschen. Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, helfe Menschen mit Migrationsgeschichte wie mir. Ich kann mich in vielen Fällen mit anderen Neuzugewanderten identifizieren und es ist mein persönliches Anliegen, solche Menschen bei der Integration zu unterstützen. Das erfüllt mich, macht mich glücklich und ich bin dankbar, dass ich in der privilegierten Position bin, in der ich anderen durch meinen Job helfen darf.
Hast Du schon eine Idee für ein Motto und ein Bild für das Plakat?
„Lasst uns mehr auf unsere Gemeinsamkeiten fokussieren!“