Vielen Dank, dass du dich für das Interview bereit erklärt hast.
Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, weil es zu meinen Zielen gehört, Menschen zu inspirieren, und weil Inspiration nur durch Vorbilder funktioniert. Wenn man etwas selbst macht, können die anderen sehen, dass es O.K. ist. Das gilt auch für meine Kinder. Ich bin in Heide sehr aktiv: Ich war Elternvertreterin im Kindergarten und in der Schule, bin seit drei Jahren Personalrätin in der FH. Für so etwas bin ich immer zu haben. Ich habe nichts zu verbergen. Viele Leute, die am Anfang ihres Weges sind, denken: „Wenn sie es geschafft hat, warum ich nicht?“ Leider kannte ich, als ich kam, keine Person, die mir so die Augen geöffnet hat. Ich hatte auch keinen Deutschkurs. Meine Integration verlief eher durch meinen damaligen Freund, meinen heutigen Mann. Ich bin sehr aktiv und deswegen habe ich mir den Weg selbst ermöglicht.
Wie kam es dazu, dass du hierhergekommen bist?
Ich bin schon in der deutschen Kultur aufgewachsen, weil meine Großeltern aus Deutschland kamen. Sie waren selbst Flüchtlinge und sind 1951 nach Argentinien eingewandert. Ich bin zur deutschen Schule gegangen und habe Übersetzungswissenschaften studiert. Als ich mein Hauptstudium fertig hatte, meinte mein Professor für Semantik, dass es Stipendien für Kurse in Deutschland gebe und dass der deutsch-argentinische Lehrerverband dringend nach Lehrkräften suche. Sie wollten Studenten, die das Hauptstudium fertig hatten, das Lehramtsstudium schmackhaft machen. So wurde ich für das Stipendium ausgewählt und kam dann für drei Monate hierher. Im Haus Sonnenberg im Harz haben wir Landeskundeseminare besucht und sehr viel Kultur miterleben können. Danach haben wir in Kassel Methodik und Didaktik gelernt. Und am Ende habe ich eine Hospitation in Meppen gemacht. Dazwischen habe ich meinen Mann kennen gelernt. Er hatte hier schon einen Job und konnte zwar damals kaum Spanisch, ich aber schon sehr gut Deutsch sprechen. Ich war an meinem beruflichen Scheideweg. Was mache ich, was mache ich nicht? So habe ich mich entschieden, hierher zu kommen.
Ist dein Mann Norddeutscher?
Ja, Dithmarscher.
Aus welchem Teil Argentiniens kommst du?
Ich komme aus Córdoba, das liegt im Zentrum Argentiniens. Das ist eine sehr alte Universitätsstadt. Es war ein Schock, hierher zu kommen. Cordoba ist eine Millionenstadt mit einem sehr regen Studentenleben und hier ist es eher ein bisschen ruhiger und ländlicher.
Bist du noch oft in Argentinien?
Wegen Corona waren wir lange Zeit nicht mehr in Argentiniern. Im April waren wir mit der ganzen Familie da. Jetzt, da die Kinder größer sind, wird es schwieriger, weil jeder seine eigenen Termine hat.
In Argentinien gibt es eine große deutsche Community. Hast du schon als Kind etwas davon gespürt?
Ja. Die deutsche Community hat einen sehr braunen Hintergrund. In der Gegend, wo sich meine Großeltern angesiedelt haben, ist es so, als wenn man in Oberbayern ist. Da wird zum Beispiel das Oktoberfest gefeiert. Viele Marineoffiziere vom Schiff „Graf Spee“, das im Zweiten Weltkrieg vor der Küste Argentiniens versenkt wurde, haben sich dort niedergelassen. Meine Großeltern haben die Nachkriegsentwicklung in Deutschland nicht miterlebt, so dass sie immer noch überzeugte Nazis waren. In Deutschland wird die ganze Schuldfrage anders wahrgenommen als in Argentinien. Mein Opa hatte immer das Bild eines Kriegsschiffes und das Eiserne Kreuz an der Wand hängen, was hier gar nicht geht.
Als Eichmann in Argentinien aufgegriffen wurde, hat man das bei euch thematisiert?
Da ich zu dem Zeitpunkt schon hier war, weiß ich nicht, wie das dort thematisiert wurde. Wir hatten auch sehr lange eine Diktatur. Da musste man vorsichtig sein. Es ist unglaublich, aber einige Leute sehnen sich danach, nach der damaligen ‚Ordnung’. Da denkt man, sie seien bescheuert. Ja, man weiß, dass viele Nazis über den Genua-Korridor oder über Spanien in Argentinien gelandet sind und dass es für sie einfach war, eine neue Identität anzunehmen. Aber ich muss ehrlich sagen, das weiß ich alles aus Büchern, die in Deutschland verlegt worden sind. Von unserer Seite habe ich das nicht so erfahren. Es kann sein, dass es in den letzten Jahren anders geworden ist, denn es gibt jetzt einen Aufarbeitungsprozess in Argentinien, auch über die argentinische Militärdiktatur.
Was waren im ersten Jahr in Heide für dich die wichtigsten Dinge? Positives, Negatives, Überraschendes. Woran musstest du dich gewöhnen?
An die Kälte kann man sich gewöhnen, aber die Sonne und das Licht fehlen. Das machte mich sehr unsicher. Wir haben in Argentinien sehr einfache Dörfer und Städte mit quadratischem Grundriss, in unserer Städteplanung ist alles quadratisch. Hier hatte ich tierische Angst, mich zu verfahren oder zu verlaufen, weil die Straßen hier nicht geradeaus verlaufen. Im ersten Jahr hatte ich auch sehr viel damit zu tun, ob ich hierbleiben darf. Ich bin nur mit einem Touristenvisum gekommen. Meine Brüder hatten einen deutschen Pass, aber ich nicht, weil früher das deutsche Blutrecht nur über die Väter weitergegeben wurde. Erst ab 2017 durften die Mütter den Pass weitergeben und es gab ein Moratorium, das meine Mutter verpasst hat. So hatten meine Brüder den Pass und ich nicht, dabei war ich die Einzige, die daran interessiert war, hierher zu kommen. Ich bin im Dezember gekommen, als es sehr dunkel war. Im März musste ich wieder zurück. Da meinte ein Vertreter des Ausländeramtes: „Ja, warum heiraten Sie nicht?“ Und so haben mein Freund und ich geheiratet. Das war im April und Anfang Mai hatte ich schon einen Job als Übersetzerin. Mein Mann arbeitete in Itzehoe und war mit Hin- und Rückfahrt immer zehn Stunden weg und da dachte ich, wenn ich hier weiter nur übersetze, werde ich niemanden sonst kennen lernen. Dann bekam ich ein Programm von der VHS in die Hand, in dem nach Dozenten gesucht wurde. Es hat mich umgehauen, denn sie wollten mich nicht für Spanisch-, sondern für den Deutschunterricht. Und so fing ich an, Deutsch zu unterrichten.
Heide hat kulturell nicht so viel zu bieten wie Cordoba. War das für dich ein Problem?
Es gibt hier doch Einiges an Kultur. Man muss nur aufmerksam sein und die Kulturangebote finden. Ich würde die Leute, die das Kulturangebot bemängeln, fragen, wieviel Kultur sie woanders erleben. Anfangs hatte ich Familie, Kinder und Beruf, so dass wir beschäftigt waren und nicht an Kultur denken konnten. Jetzt fange ich wieder damit an. Es gibt hier tolle Sachen, zum Beispiel das Schleswig-Holstein Musikfestival, die Jahreskonzerte im Stadttheater oder einmal das Schwanensee-Ballett. Hier konnte man sogar hören, wie die Tänzerinnen auf der Bühne aufprallten. Wo gibt es so etwas? Es gibt auch Buchlesungen oder das VHS-Projekt in der Neulandhalle. Das finde ich toll.
Als Person mit Migrationshintergrund unterrichtest du andere Menschen mit Migrationsgeschichte. Siehst du das als Vorteil an?
Ja, ich versuche, den Leuten immer Mut zu machen. Sie vergleichen sich mit mir und sagen: „Ja, sie können doch so gut Deutsch sprechen.“ Ich antworte, dass ich Deutsch schon in der Wiege mitbekommen habe, deshalb könne man sich mit mir nicht vergleichen. Dass manche Leute es in einem Jahr schaffen, B1 zu machen, das ist doch der Wahnsinn.
Hat sich in den letzten Jahren etwas geändert? Haben sich die Einstellungen und Ansprüche geändert?
Es gibt zum Beispiel mehr Frauen. Es ist etwas ganz Anderes, einen Kurs, in dem nur Frauen sind, zu unterrichten als einen Kurs, in dem nur Männer sind. Wir haben sehr unterschiedliche Bildungsniveaus, einige mit akademischen Bildungsstandard und wiederum Menschen, die kaum oder gar keine Schule besucht haben. Das Bundesamt für Flüchtlinge guckt nicht danach. Sie sagen, es gibt eine bestimmte Zahl von Stunden unabhängig von der Bildung. Es ist utopisch, einer Person, die schon studiert hat, die gleiche Anzahl an Stunden zu geben, wie einer, die gerade eben nur schreiben kann, die noch nicht alphabetisiert worden ist. Damals gab es noch keine Alphabetisierungskurse. Später hat man es standardisiert. Also es hat sich schon einiges geändert. Es ist so, als wenn man jemandem eine Schere gibt, der schon schneidern kann oder noch nicht. Wir mussten die Leute in diese Kästen hineinpassen. Das ist frustrierend. In Heide haben wir nicht so viele Migranten wie in einer Großstadt und das macht die Gruppenbildungen heterogener. Auch viele, die hier landen, landen nicht so ganz freiwillig hier, sondern würden lieber in einer Großstadt sein, und dann ist es schwierig. Die Spätaussiedler sind aus Überzeugung nach Deutschland gekommen. Flüchtlinge sind nicht überzeugt. Ich sage ihnen, irgendwann muss man eine Entscheidung treffen. Gibt es eine mittel- oder langfristige Perspektive, hier zu bleiben, oder möchte ich später wieder zurück. Es ist keine einfache Entscheidung, doch man muss sie treffen, sonst kann man nicht gut leben. Als ich erkannt hatte, ich bleibe hier, das ist hier meins, dann wurde ich auch anders, dann ist man offener für Sachen. Bei den syrischen und ukrainischen Flüchtlingen merkt man, dass sie ihrer Heimat entrissen wurden. Und die Ukraine ist ja auch nicht ganz so weit weg. Deshalb haben viele noch im Hinterkopf, ich möchte einmal zurück. Wir haben auch sehr viele junge Leute, von denen ich denke, dass sie von ihren Eltern hierhergebracht wurden, und man weiß nicht, ob das so ganz freiwillig geschehen ist, weil sie nicht volljährig waren, als sie kommen mussten. Diese Leute sind nicht dafür bereit, denn es ist nicht das, was sie wollten. Neu für mich sind die Reibungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten und Gruppen. Ich habe schon von Teilnehmern gehört, dass es in Heide zu viele Ausländer gebe. Da meinte ich: „Häh, ich bin auch Ausländerin.“ Sie antworteten: „Ja, aber die sind nicht so wie Sie oder wir.“ Da dachte ich: „Oh Gott! Jetzt haben wir da auch noch Probleme.“ Vielleicht, wenn eine Gruppe mehr von der Regierung gefördert wurde, fühlen sie sich als Ausländer 1. Klasse und alle anderen sind für sie Ausländer 2. Klasse. Das war das erste Mal, dass ich das von jemandem hörte, und ich weiß nicht genau, wie ich diese Person einschätzen soll. Aber zwei andere, die ich eigentlich als ganz vernünftig eingeschätzt habe, kamen auch mit so einem Spruch und ich dachte: „Oh, oh, oh! Was ist das denn?“ Ich verstehe nicht, woher das kommt. Aber dann habe ich es reflektiert und erkannt, dass so etwas sein kann, wenn die Politik so etwas macht. Sie haben so vieles bekommen, das ist schon ein bisschen wie 1. Klasse, das finde ich nicht gut. Und auch noch das altbekannte Problem zwischen den Minderheiten und Religionen. Da bin ich auch ratlos, ich verstehe das alles nicht. Ich steige nicht durch, wer was ist; Sunniten, Alleviten u.s.w. Wenn das in der Bevölkerung so ist, dann auch in meinem Kurs. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Auch die Ansprüche sind gewachsen: Viele zeigen weniger Lernbereitschaft. Ich sage den Kursteilnehmern: „Wenn ich nicht so viele Steuern zahlen würde, könnten Sie hier kein Deutsch lernen. Ich zahle Ihre Deutschkurse über meine Steuern mit und, wenn ich das zahle, dann würde ich gerne, dass Sie auch lernen.“
Kommen wir zu einem anderen Thema. Wie kommst du mit der Mentalität der Dithmarscher klar? Man sagt den Dithmarschern ja nach – auch ein Klischee - , dass sie nicht die Gesprächsfeudigsten sein sollen.
Oh, ja, es ist ein Klischee. Aber, einige Leute bedienen dieses Klischee. Trotzdem wurde ich immer sehr herzlich empfangen und hatte nie Probleme. Alle Freunde meines Mannes, also auch mein erster Freundeskreis, sind Dithmarscher. Ich wurde zum Beispiel zu einer Hochzeit in einem kleinen Dorf mit weniger als 100 Einwohnern eingeladen und wurde immer sehr gut empfangen.
Wie kocht ihr zu Hause – deutsch oder argentinisch?
Deutsch kann ich nicht. Meine Oma hat versucht, es mir beizubringen, z.B. Hühnerfrikassee, Königsberger Klops. Aber ich esse seit Jahren kein Fleisch mehr. Meine Mama hat auch nicht von meiner Oma mütterlicherseits, sondern von meiner Oma väterlicherseits kochen gelernt. Mein Papa war Argentinier spanisch-nativer Abstammung. So hat schon meine Mama die deutsche Koch-Tradition nicht mehr weitergeführt. Sie kochte sehr spanisch, z.B. Tortilla de papas, so etwas wie Bauernfrühstück, oder arroz con mariscos, eine einfache Paella, und ich koche international.
Zieht es dich mehr zur argentinischen bzw. spanischen Literatur oder eher zur deutschen? Oder bist du in dieser Beziehung ganz divers?
Wenn ich feststelle, dass ein Buch, das mich interessiert, von einem spanischen Autor stammt, bevorzuge ich natürlich die Originalversion. Aber das Schöne ist, dass ich mich in beiden Sprachen bewege, und ich kann beide Sprachen gleich gut lesen. Das Schöne ist, dass es auch meine Tochter so macht, sie liest sogar in drei Sprachen: Spanisch, Englisch und Deutsch. Mein Sohn erst einmal nur auf Deutsch. Wir haben ihm auch schon spanische Comics geschenkt, aber er ist noch nicht so fit in Sprachen. Aber ich denke, das wird noch. Es kommt natürlich auch auf den Autor an.
Und wie steht es mit der Musik?
Es gibt viele coole deutsche Bands. Es gibt andere, die mein Mann hört, wo ich eher sage, nee, das ist nicht so mein Ding. Alle sagen, die argentinische Musik sei sehr melancholisch. Meine Familie weiß, wenn ich argentinische Musik höre, muss etwas passiert sein. Sie gehen mir aus dem Weg. Aber es gibt lebendigere Musik.
Was vermisst du hier in Deutschland, Dithmarschen am meisten?
Das Licht, meine Leute. Immer wenn ich in Dithmarschen eine Freundin gehabt habe, mit der ich auf Spanisch sprechen konnte, wie ich es von zu Hause gewohnt war, ist sie weggezogen. Das ist schade. Diese Spontaneität, dieses Nicht-in-den-Kalender-Gucken, ganz spontan zu klingeln, um miteinander Kaffee zu trinken. Aber auch zu akzeptieren, wenn man keine Zeit hat. Diese Spontaneität fehlt mir ein bisschen. Obwohl es Dithmarscher gibt, die auch so spontan sind.
Welche Ziele hast du noch für die Zukunft? Willst du in Dithmarschen alt werden oder zieht es dich doch nach Argentinien?
Ich könnte in Argentinien überhaupt nicht mehr arbeiten, ich bin zu deutsch geworden. Es macht mich wahnsinnig, wenn die Leute ihre Sachen nicht rechtzeitig fertig haben. Mit dieser Haltung würde ich in Argentinien von einem Herzinfarkt zum nächsten kommen. Argentinien ist ein schönes Land. Meine Familie lebt dort, aber meine jetzige Familie ist hier. Meine Tochter ist auch nach Argentinien orientiert, aber mein Sohn ist mehr Dithmarscher. In Argentinien habe ich ihn zum ersten Mal offener erlebt. Wenn es Treffen gibt, neigen wir zu Menschenmengen, 50 Personen sind für uns normal. Er ist eher zurückgezogen. Ich glaube nicht, dass er irgendwo anders landet als hier in der Nähe.
Da kann sich noch viel ändern.
Ja, aber man merkt schon ein bisschen, wie die Kinder ticken. Meine Tochter ist sehr offen. Ihr Bruder nicht so. Aber beide sind sehr selbständig. Es ist ein Ziel von mir, dass meine Kinder immer neugierig sind und sich für Sachen begeistern können. Mein Sohn hört z.B. gerne Podcasts über Gott und die Welt, über alles Mögliche. Das versuche ich zu unterstützen. Beide lesen auch gerne. Ich mache, soweit es in meiner Macht steht, alles, sie breit aufzustellen, damit sie nachher etwas Schönes auswählen können.
Wenn die argentinische Fußballnationalmannschaft gegen die deutsche spielt, für welche Mannschaft schlägt dein Herz?
Für die argentinische. Ich bin nicht so ein Fußballfan Aber in Argentinien ist Fußball noch etwas anders als hier, er ist so wichtig, es ist unbeschreiblich. Wir waren im April da, z.B. die Zebrastreifen, alles in Blau-Weiß. Überall hängen Poster und Bilder von Messi & Co. – es ist der Wahnsinn. Maradonna war – abgesehen von seiner Persönlichkeiit – ein toller Fußballspieler.
Kommen wir zum Exponat. Kannst du in wenigen Sätzen deine Migrationserfahrung zusammenfassen? Was willst du den Menschen über deine Migrationserfahrung mitgeben?
Man muss Mut zur Offenheit haben, man muss mutig sein, viel Neues zu erproben. Mut zur Offenheit ist das A & O, sein Leben selbst zu gestalten, nicht zu Hause warten, bis jemand klopft.