Pauls Plate

Wollen wir vielleicht einfach mal anfangen, dort wo du aufgewachsen bist, vielleicht kannst du ein bisschen was über deine Kindheit erzählen, dein Umfeld, Familie, Freunde, Schule…

Ich bin in Riga geboren. Das ist die Hauptstadt von Lettland. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Später musste ich die Stadt und somit auch die Schule aus familiären Gründen wechseln. Das war nicht ganz leicht. Nach der Schule habe ich dann zuerst Wirtschaftswissenschaften studiert. Ich merkte jedoch, das ist nicht meins.

Wenn du magst, kannst du auch überlegen, was so deine ersten Kontaktpunkte mit Deutschland waren, wie du überhaupt auf die Idee gekommen bist, hierher zu kommen, die Sprache zu lernen…

Meine erste Begegnung mit Deutschland war die Stadt Lübeck. Dort habe ich damals ein kleines Praktikum gemacht. Das wurde von Lettland organisiert und ich konnte daran teilnehmen. Das Praktikum ging nur ein paar Monate, aber es war das erste Mal, dass ich mein Heimatland für längere Zeit verlassen musste. In dieser Zeit in Lübeck habe ich gespürt, ich möchte meinem Leben eine neue Richtung geben. Ich hatte in mir diesen inneren Impuls, auszubrechen, neu aufzubrechen und meinen eigenen Weg weiterzugehen. Später konnte ich hier im Norden für mich einen Ort finden, wo ich mich für eine Zeit zurückziehen konnte. Es war das Kloster Nütschau zwischen Hamburg und Lübeck. Ich dachte, toll! Jetzt kann ich hier meine Gedanken ein bisschen sortieren und über mein Leben nachdenken, und dann, schon nach nicht allzu langer Zeit, kehre ich wieder nach Lettland zurück. Doch aus dieser kurzen Zeit wurde eine immer längere. Schließlich blieb ich über ein Jahr im Kloster.

Wie alt warst du damals?

Da war ich Anfang 20 und konnte ganz wenig Deutsch… und im Kloster war Englisch nicht so sehr verbreitet... Alle sprachen nur Deutsch mit mir. Und das war gut so! Denn nun war ich wirklich gezwungen, die Sprache zu erlernen. Ja, gerade in meiner Klosterzeit konnte ich am meisten Deutsch lernen. In dieser Zeit entstand in mir auch der Wunsch, hier in Deutschland Theologie zu studieren.

Also waren Sie auf einer Sinnsuche und haben in diesem Kloster Ihren Sinn gefunden?

Ja, ich glaube schon, dass ich auf einer Sinnsuche war. Aber ob ich meinen Sinn nun gefunden habe… so würde ich das vielleicht nicht formulieren. Ich habe mich selbst besser kennen gelernt. Mittlerweile glaube ich, dass diese meine innere Suche, etwas ist, was zu mir und meiner Seele einfach dazu gehört. Vielleicht werde ich in diesem Leben nie endgültig „ankommen“ und sagen können: "So! Jetzt habe ich nun endlich den Sinn gefunden und muss nicht mehr suchen". Ich glaube, der Lebenssinn ist kein Objekt irgendwo da draußen. Später war ich dann sehr dankbar und glücklich, dass ich in Deutschland ein Stipendium bekommen habe und nun hier studieren konnte.

Wo?

In Hamburg. Das war damals für mich ganz in der Nähe. Und auch aus finanzieller Sicht machte es „Sinn“. Ja, dann habe ich in Hamburg mit meinem Theologiestudium begonnen.

Und war das dann auf Deutsch?

Ja, klar.

Und wie konntest du dann sprachlich folgen?

Das war in der Tat am Anfang eine Herausforderung. Das Studium war ganz auf Deutsch und ich musste auch, um studieren zu können, erstmal einen Deutschtest bestehen, den ich dann Gott sei Dank auch bestanden habe. Die Herausforderung beim Theologiestudium ist, dass man gerade am Anfang die drei alten Sprachen lernen muss: Hebräisch, Griechisch und Latein. Meine besondere Herausforderung war, dass ich sie nun auf Deutsch lernen musste und nicht in meiner Muttersprache. Aber so ist das, wenn man in Deutschland Theologie studiert.

Und wie war es für dich so, die Heimat zurückzulassen und dich dann dafür zu entscheiden, jetzt war ich schon im Kloster in Deutschland, jetzt will ich auch noch in Deutschland studieren, ich glaube, das wird meine neue Heimat...?

Das war manchmal nicht leicht. Aber es war irgendwie auch interessant. Manche Erfahrungen, die ich gemacht habe, verstehe ich mit der Zeit jetzt auch ein bisschen besser. Ich glaube, rückblickend hätte ich mir - gerade in meiner Anfangszeit hier und auch zu Beginn meines Studiums – vielleicht etwas mehr Unterstützung gewünscht. Jemanden, der oder die mir die Menschen und das Leben hier in Deutschland ein bisschen näherbringt. Ich glaube, ich lebte ziemlich viel auch in meiner eigenen Welt.

Also hast du viel Zeit in deinem eigenen Kopf verbracht?

Ja, so könnte man das auch sagen.

Und wie war dann der Kontakt zu den anderen Studenten, konntest du das nachvollziehen, dass du da zum Beispiel mehr Schwierigkeiten hattest, die alten Sprachen zu lernen, weil du das ja erst in einer neuen Sprache lernen musstest? Oder war das eher ein Umfeld, in dem man sich gar keine Gedanken darüber gemacht hat, oder vielleicht sogar hilfreich?

Hmm… Ich glaube, das Lernen fiel mir nicht besonders schwer. Das machte mir meistens Freude. Die Schwierigkeit war manchmal eher, meinen Alltag gut gestalten zu können. Also das viele Drumherum, zum Beispiel die Freizeit gut zu verbringen, mit anderen Menschen gut in Kontakt zu kommen, etwas Interessantes zu erleben, usw.

Waren das zum Beispiel irgendwelche Gewohnheiten, die so typisch deutsch waren, oder wie Deutsche miteinander kommunizieren oder waren das so bürokratische Dinge, die dir im Alltag schwerfielen?

Einerseits war die Sprache natürlich eine Herausforderung. Ich bin mehr ein Kopfmensch. Und wenn ich z. B. eine Behörde anrufen musste, um etwas Wichtiges zu klären, dann musste ich mich gedanklich darauf erst einmal vorbereiten, denn ich wollte mich verständlich ausdrücken. Es fiel mir eher schwer, einfach spontan loszureden... Das, was ich sagen wollte, habe ich dann erst einmal für mich (im Kopf) formuliert und aufgeschrieben. Ja, manchmal habe ich mich auch selbst gefragt: Pauls, warum hast du eigentlich gerade dieses Studium ausgesucht? Denn hier musst du später so viel reden und auch auf die Feinheiten der Sprache sehr achten. Warum machst du dir das Leben so schwer? Im Studium hatte ich auch oft den Wunsch, mich mehr in die Diskussionen einzubringen, aber gerade in der Anfangszeit war eine gewisse Angst da, so eine Schwelle… Ich merkte, ich kann auf Deutsch nicht immer sofort angemessen reagieren. Und was, wenn die anderen mich nicht richtig verstehen? Im Theologiestudium war ich später auch oft der einzige Ausländer, jemand, der Deutsch nicht als Muttersprache hatte. Da war dann schon manchmal auch das Gefühl, ich bin hier wie von einem anderen Stern.

Hattest du in solchen Situationen auch manchmal Heimweh nach Lettland?

Hmm… vielleicht manchmal. Dann kamen in mir Erinnerungen an glückliche Zeiten in Lettland hoch. Ja, dann habe ich mich auch gefragt, was ich hier in Deutschland eigentlich mache. Aber es war zugleich auch eine andere Stimme da, eine innere Stimme in mir, die mich ermutigte, nicht aufzugeben. Und vielleicht hatte ich auch einen starken Willen. Ich wollte meinen angefangenen Weg unbedingt weitergehen. Ich sah meinen Weg hier in Deutschland und (noch) nicht in meinem Heimatland.

Und hattest du denn noch Kontakt zu verschiedenen Personen dort?

Ja, ich hatte Kontakt zu meinen Eltern, meinem Bruder, anfangs auch noch zu dem einen oder anderen Freund. Aber mit der Zeit wurde dieser Kontakt zu den Freunden immer weniger.

Mich würde mal interessieren, wie heute dein Alltag aussieht, hast du immer noch lettische Traditionen und Kulturen, denen du folgst, liest du gerne noch auf Lettisch oder schaust Filme oder ist das heute wirklich so ganz deutsch?

Ich lese gerne, auch auf Lettisch. Manchmal (in letzter Zeit eher seltener) schaue ich mir auch interessante lettische Sendungen im Internet an. Aber momentan fallen mir keine „lettischen“ Traditionen ein, denen ich bewusst folge… Oft bekomme ich auch die Frage, was typische lettische Speisen sind. Wir haben viele. Z. B. graue Erbsen mit Speck, dazu noch eine dicke Scheibe Schwarzbrot oder einfach Bratkartoffeln mit Fleisch. Wenn meine Mutter mich besucht, dann bringt sie mir immer eine lettische Spezialität mit. Das ist immer nett, aber ich muss hier auch nicht unbedingt ständig lettisch kochen.

Also du fühlst dich ganz wohl mit der deutschen Leitkultur und all dem, was dich hier so umgibt?

Hmm… Ja, ich glaube, im Großen und Ganzen, ja. Ich denke, es ist auch ein Teil der europäischen Kultur. Und Lettland gehört auch zu Europa. Deutschland assoziiere ich mit Ordnung. So vieles ist hier durchdacht, manches vielleicht auch zu viel durchdacht. Es sind so viele Sicherheitssysteme aufgebaut worden. Jede mögliche Eventualität wird berücksichtigt, sodass bloß nichts schiefgehen kann. Das gibt einerseits Sicherheit, andererseits kann es manchmal auch etwas anstrengend sein und es geht dadurch vielleicht auch ein Stück weit Lebensfreude verloren.

Es nimmt einem auch Freiheit

Ja, genau. Ich war vor einiger Zeit in Südeuropa. Und dort spürt man, die Menschen sind ein bisschen anders. Vielleicht etwas spontaner. Sie feiern das Leben mehr. Hier in Deutschland habe ich den Eindruck, bevor man handelt, muss erst einmal richtig geplant und Vor- bzw. Nachteile müssen ganz genau abgewogen werden. Aber andererseits bietet in manchen Bereichen das Leben hier einfach mehr Sicherheit und das finde ich auch gut.

Wir hören hier auch sehr häufig, dass die Deutschen nicht besonders aufgeschlossen sind, dass wir eine Weile brauchen, um Menschen in unser Leben zu lassen. Ist das eine Erfahrung, die du teilst, die du auch gemacht hast?

Ja, da könnte was dran sein. Aber wahrscheinlich gibt es deutschlandweit auch Unterschiede. Ich könnte mir vorstellen, in Bayern sind die Menschen etwas aufgeschlossener und hier im hohen Norden dafür auf den ersten Blick etwas zurückhaltender und brauchen etwas mehr Zeit, um mit einem warm zu werden. Aber vielleicht ist das auch nur ein Vorurteil.

Ich finde, da ist auch ein großer Kontrast zwischen Stadt und Land. Du warst ja vorher in Hamburg, und jetzt Tellingstedt, so ein kleines Dorf... war das für dich auch noch mal ein Unterschied, eine größere Herausforderung, hier mit den Menschen klarzukommen?

Manchmal denke ich, in meiner Seele bin ich ein bisschen auch Dithmarscher, weil ich selbst auch etwas zurückhaltender bin. Ich glaube, ich bin nicht der Pastor, der an alle Türen klopft und laut sagt: "Kommt alle zu mir in die Kirche!"… Ich bin eher introvertiert. Ich brauche meinen Raum, in den ich mich ab und zu auch zurückziehen kann. In Hamburg sind viele Menschen, aber alles ist eher anonym, man kennt sich kaum. Das hat seine Vor- aber auch Nachteile. Hier im Dorf kennt man einander. Auch das ist natürlich nicht immer gut, aber es ist irgendwie doch ganz schön. Man gibt aufeinander acht und fragt: "Wie geht es dir?". Es ist mehr eine Gemeinschaft.

Und als du hier angekommen bist und dich quasi vorgestellt hast, wie war da die Reaktion der Menschen hier?

Hmm… Ich glaube, ich habe nichts Negatives wahrgenommen, es war alles gut. Die Leute haben sich gefreut, dass nun ein junger Pastor kommt. Ich hatte hier einen guten Start und mein guter Kollege Rüdiger hat mich auch unterstützt. Hier konnte ich mich dann entfalten, konnte, glaube ich, zumeist so sein, wie ich bin. Die Menschen freuten sich und waren dankbar. Und manche haben vielleicht ein bisschen gebraucht, um sich zu öffnen, aber wenn sie einen hier ins Herz geschlossen haben, dann auch so richtig.

Bist du denn mit Erwartungen hier hergekommen, mit Hoffnungen, hast du dich auf etwas gefreut?

Erwartungen hatte ich an Dithmarschen kaum welche. Vom Hörensagen habe ich mitbekommen, dass Dithmarschen vielleicht nicht der spannendste Ort ist. Eher unscheinbar und vielleicht nicht so spektakulär. Ich habe in Hamburg studiert und nach dem Studium begann für uns die Ausbildungszeit, das nennt man Vikariat. Mein Vikariat habe ich in Flensburg absolviert. Und dann kam Tellingstedt. Meine Sorgen zu Beginn waren, ob ich das alles hier gut schaffe. Ich wollte die Menschen nicht enttäuschen. Ich hatte ja vorher noch nie als Pastor gearbeitet. Ich fragte mich, wie das alles wohl sein wird... Aber es war gut und ich freue mich, dass ich gerade hier in Dithmarschen, in Tellingstedt, meine ersten Schritte als Pastor gehen konnte.

Das ist ja schön. Und hast du noch Wünsche für deine Zukunft oder Pläne? Möchtest du noch einmal aus Dithmarschen raus oder steht das momentan gar nicht zur Frage?

Das ist eine gute Frage... Darüber mache ich mir manchmal tatsächlich Gedanken. Wie möchte ich, dass mein Lebensweg weitergeht? Welche Richtung möchte ich gehen? Wie möchte ich mich weiterentwickeln? Es gibt im Pfarrberuf Bereiche, die mich sehr interessieren... Aber ich bin auch gerne hier, wo ich gerade bin. Ich mag die Menschen hier. Das ist der größte Schatz, den wir hier haben. Es kommen in Zukunft Herausforderungen auf unsere Kirchengemeinde, unser Kirchspiel und unseren Kirchenkreis zu. Denn die Pastoren und Pastorinnen werden leider immer weniger und man muss schauen, wie man der neuen Situation entsprechend die Arbeit gut gestalten kann. Meine nähere Zukunft sehe ich hier im Norden von Deutschland. Was dann allerdings in 10 oder 15 Jahren ist, das kann ich noch nicht sagen, aber ich könnte mir auch vorstellen, später den Kontakt zu meinem Heimatland Lettland zu intensivieren. Ich weiß nur noch nicht, in welcher Form.

Hast du in dieser Zeit auch noch in einigen Lebensbereichen Schwierigkeiten? Wirst du mit Hindernissen konfrontiert, gibt es hier und da mal Probleme, die wir nicht haben?

Mittlerweile eher wenig. Manchmal kann es allerdings auch sein, dass ich einen ziemlich hohen Anspruch an mich selbst habe. Dann mache ich mir selbst das Leben ein bisschen schwer. Manchmal auch, wenn ich eine Ansprache für den Gottesdienst vorbereite. Deutsch ist nicht meine Muttersprache, deswegen ist es gut, wenn ich jemanden habe, der noch einmal darüber schaut. Unsere Sekretärin beispielsweise, sie unterstützt mich dabei. Ich habe eine Ansprache geschrieben und dann unterstreiche ich ein, zwei Stellen, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, wie eine Muttersprachler*in sie im Ohr hören würde. Dann frage ich unsere Sekretärin. Ja, manchmal ist es gut, wenn jemand da ist, der bei wichtigen Texten einmal kurz darüber schaut. So müssen wir auch bei unseren Kirchengemeinderatssitzungen wichtige Beschlüsse fassen. Bei mir dauert es dann normalerweise etwas länger. Mir fällt nicht immer das passende Wort oder die richtige Formulierung ein. Aber viele finden wiederum den Akzent, den ich noch ein wenig habe, interessant. Sie sagen, ich habe eine angenehme und sympathische Ausdrucksweise, und es fällt ihnen leicht, mir aufmerksam zuzuhören.

Wie war für dich der Prozess, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten? War es leicht?

Ja, bei mir war das in der Tat leicht. Ich habe in Deutschland Geisteswissenschaften studiert und brauchte keine zusätzlichen Prüfungen zu absolvieren. Ich hatte zu dem Zeitpunkt auch schon mehrere Jahre in Deutschland gelebt.

Wenn es die Möglichkeit nicht gegeben hätte, damals nach Deutschland zu kommen, sondern vielleicht nach Frankreich oder woanders hin, meinst du, dein Weg wäre der gleiche gewesen?

Naja, dann wäre ich jetzt vielleicht in Frankreich. Interessanterweise war es keineswegs mein Plan, nach Deutschland zu kommen und hier Pastor zu werden. Wenn mir das jemand damals mit 20 gesagt hätte: „Du wirst in Dithmarschen Pastor“, dann hätte ich geantwortet: "Du spinnst, das kann nicht wahr sein!". Ich kann nicht sagen, dass ich meinen Lebensweg so ganz bewusst gesteuert und geplant habe. Es ist mir ein Stück weit einfach passiert. Ich weiß noch, damals dachte ich bei mir, wenn du ins Ausland gehst, dann doch sicherlich in ein englischsprachiges Land, weil die Sprache viel einfacher und weil es die Weltsprache ist. Aber das Land, das ich für mich entdecken konnte, war Deutschland. Hätte mein Weg mich z. B. nach England geführt, dann würden hier jetzt vielleicht drei junge Damen aus einer Schule in England sitzen. Sie würden mich interviewen und fragen: "Erzähl bitte, wie bist du eigentlich nach England gekommen?"