Richard Ferret

Gerne würden wir mehr darüber erfahren, unter welchen Umständen Sie nach Deutschland gekommen sind. Gab es damals eine Affinität zu Deutschland oder waren es andere Gründe, die Sie nach Deutschland geführt haben?

Anfang der achtziger Jahre war ich gewerkschaftlich in der Solidarnosc engagiert. Es herrschte Kriegszustand. Dadurch waren meine beruflichen Möglichkeiten erheblich eingeschränkt. Deshalb erhoffte ich mir in Deutschland bessere Perspektiven.

Wie waren Ihre ersten Kontakte hierzulande? Wie haben Sie die Menschen und das Zusammenleben empfunden? Haben Sie sich gut aufgenommen oder eher abgelehnt gefühlt?

Als ich nach Deutschland kam, lebte ich zunächst gut zwei Jahre in Koblenz. Zu Beginn gab es Sprachschwierigkeiten. Zwar hatte ich ein bis zwei Jahre Deutsch in der Schule gelernt, aber das reichte nicht. Weil ich Musik machte, brauchte ich anfangs nicht viel zu sprechen. Dennoch habe ich weiter autodidaktisch Deutsch gelernt. Ich habe mir ein Wörterbuch gekauft und zunächst mit Märchenbüchern angefangen, die ich mit Hilfe des Wörterbuchs gelesen habe. Danach habe ich auch umfangreiche Romane gelesen, z.B. Konsalik. Auf diese Weise habe ich meine Sprachkenntnisse verbessert, konnte auch leichter mit allen möglichen Menschen kommunizieren. Ich bewegte mich überwiegend in gebildeten und zivilisierten Kreisen und wurde überall herzlich aufgenommen. Niemals habe ich Antipathie oder Feindseligkeiten erlebt. Im Gegenteil, für meine Musik fand ich viel Anerkennung. Die vielseitigen interessanten Kontakte haben meine Sprachkenntnisse weiter verbessert.
In Deutschland habe ich sofort Arbeit gefunden und niemals staatliche Hilfe in Anspruch genommen. Nach der Zeit in Koblenz arbeitete ich vier Jahre in Bielefeld als Musiker und Dirigent. Von dort aus habe ich nach besseren Berufsperspektiven gesucht, und so landete ich vor 34 Jahren in Meldorf.

Welche Gefühle haben Ihr erstes Jahr in Deutschland geprägt, z.B. Neugierde, Begeisterung oder auch Einsamkeit, Angst oder Hoffnung?

Eine anfängliche Ungewissheit gab es natürlich: Was kommt auf mich zu? Was mache ich hier? Wie lange werde ich hierbleiben? Was soll werden? Das sind Fragen, die mich sehr intensiv begleitet haben.

Haben Sie sich ohnmächtig oder handlungsunfähig gefühlt, weil der Kontakt zur Heimat fehlte?

Nein. Ich habe viel gearbeitet und hatte meine gesicherte Existenz. Ich konnte mich selbst auffangen. Der Kontakt zu meiner Familie war immer möglich.

Gab es irgendwelche Menschen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? Menschen, die Sie unterstützt und ermutigt haben?

Ich hatte in meiner Umgebung einige Menschen, die mich besonders unterstützt haben, die mir nahestanden. Ich habe eine Familie kennen gelernt, mit der ich lange befreundet war. Wir haben uns gegenseitig besucht. Sie leben leider nicht mehr. Ich habe noch Kontakt zu ihrem Sohn. Die Frau der Familie stammte aus Pommern. Sie ist am Ende des Krieges als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen. Da gab es dann Gefühle und Gedanken, bei denen wir einen gemeinsamen Nenner hatten.

In welchem Sinne war diese Familie eine Unterstützung für Sie? Konnte Sie z.B. weitere Kontakte vermitteln, materielle Hilfestellung leisten oder waren es Leute, die Ihnen zuhörten, Ihnen Mitgefühl äußerten?

Das war sehr vielseitig. Wenn ich etwas brauchte, konnte ich auf ihre Hilfe zählen.

Wie haben Sie als Musiker damals die kulturelle Szene in Dithmarschen empfunden?

Dithmarschen war und ist natürlich nicht mit einer Großstadt zu vergleichen. Mein Studium habe ich in Warschau gemacht. Ich habe dort als Musiker und Dirigent gearbeitet und auch als Lehrer. Ich hatte also bereits Berufserfahrungen in einer Großstadt. Ich habe immer versucht, das kulturelle Leben zu bereichern. Und das habe ich auch als meine Aufgabe in Dithmarschen gesehen. Dafür arbeite ich auch heute noch als Lehrer, Leiter und Manager.

Mögen Sie uns etwas mehr davon berichten?

Bei der Dithmarscher Musikschule war ich der erste hauptamtliche Leiter. Die Schule war etwa ein Viertel dessen, was sie heute ist - in jeder Hinsicht: von der Schülerzahl, der Lehrerzahl und der finanziellen Ausstattung. Das hat sich enorm geändert. Es war mir die größte Freude, die Entwicklung der Musikschule zu gestalten und voranzubringen. Möglichkeiten gab es dabei viele, aber es gab auch Probleme.

Wäre das in Polen anders gewesen? Wie hätten dort die Menschen auf Ihre Pläne und Ideen reagiert?

In Polen sind die Musikschulen vom Staat zentral geleitete Einrichtungen. In Deutschland sind es kommunale Einrichtungen. Insofern gibt es hier große Gestaltungsspielräume. Ich kann mit den Kommunalpolitikern in Dithmarschen sprechen und ihnen meine Ideen vortragen. Dabei habe ich das Glück, dass ich fast immer auf viel positive Resonanz und Zustimmung treffe.

Sie haben sehr viel Positives gesagt. Gab es auch irgendetwas, das Sie in Deutschland genervt hat?

Da fällt mir spontan nichts ein. Man kann natürlich über Kleinigkeiten sprechen. Könnten Sie mir sagen, was das z.B. sein könnte?

Der Umgang mit Behörden z.B., Leute, die wenig Verständnis aufbringen, Gewohnheiten, die ungewöhnlich erscheinen, etwa die weltbekannte Bürokratie?

Nein. Natürlich gibt es überall positive und negative Aspekte. Solche Gespräche führe ich oft in Polen. Nach dem Fall der Grenze, dem EU-Beitritt und dem Schengener Abkommen bin ich häufig zu Hause in Warschau. Dort spreche ich mit vielen Menschen, Freunden, Verwandten und Berufskollegen. Da kommen oft die Vergleiche zur Sprache, bei denen ich ein sehr positives Bild von Deutschland zeichne. Da höre ich dann manchmal den Vorwurf: „Ach, du bist also schon ein Deutscher geworden.“

Wenn Sie etwas lesen möchten, greifen Sie eher zu deutscher oder polnischer Literatur oder hält sich das die Waage?

Leider komme ich viel zu selten zum Lesen, weil ich für die Musikschule sehr viel unterwegs bin. Wenn ich Gelegenheit zum Lesen finde, bevorzuge ich Bücher über Politik, Umwelt und Gesundheit. Und das in beiden Sprachen.

Was kochen Sie zu Hause?

Ich schaffe es sogar, Wasser anbrennen zu lassen.

Sind Ihre Lieblingsgerichte immer noch die, die Sie zu Hause gegessen haben?

Nein. Die Küche beider Länder ist ja ähnlich. Vieles ist europäisch. Und auch in Deutschland gibt es verschiedene Küchen. Labskaus und Mehlbüddel kennt man z.B. in Süddeutschland nicht. So gibt es eben auch in Polen regionale Unterschiede.

Haben Sie noch irgendwelche Erwartungen oder Wünsche?

Ich habe keine speziellen Wünsche. Aber ich will dafür sorgen, dass das „Schiff Musikschule“ fährt und fährt und fährt – auch noch nach mir.