Shorena Sikharulia

Wir fangen also an. Weil wir jetzt schon bei der Postkarte waren, von der du uns erzählt hast, was verbindet du dann mit dieser Postkarte oder welche Bedeutung hat die Postkarte für deine Migration?

Also die Postkarte ist für mich der Anfang meines Weges. Vielleicht kann ich ja ein bisschen näher drauf eingehen. Ich habe schon als Schülerin in der Schule die deutsche Sprache gelernt, so ab der fünften Klasse. Meine Mutter ist Deutschlehrerin gewesen. Bei uns gab es in der Schule Deutsch und Englisch und sie sagte mir: „Wenn du Deutsch lernen willst, dann kann ich dir helfen, aber wenn du Englisch wählst, da kann ich kein Wort.“ Irgendwie wollten alle meine Mitschüler damals nach Amerika. Deshalb war Englisch unter meinen Mitschülern populär. Ich habe gedacht, dass es mir eigentlich egal wäre, ob meine Mutter mir helfen könne oder nicht, aber warum sollte ich Deutsch nicht wählen? Da habe ich Deutsch gewählt und das war die richtige Entscheidung, denn ich habe dann eine sehr strenge Lehrerin bekommen. Dafür bin ich dankbar, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht hier. Sie hat mich sowohl gefordert, als auch gefördert. Beides. Ich habe sofort Interesse bekommen an der Sprache. Ich hatte bereits davor Russisch in der Schule. Ich wusste also schon, was eine Fremdsprache ist, aber Deutsch hat irgendetwas in mir erweckt. Mein Interesse ist gewachsen, als ich gemerkt habe, dass ich so langsam kleine Schritte mache. Man merkt selber, es wächst, dieses Etwas. So etwas Ungewisses. Man weiß noch nicht, was das ist, aber dann kommst du weiter. Naja, und dann habe ich schon ab der sechsten Klasse gewusst oder gesagt: „Ich will weitermachen mit der deutschen Sprache.“ Ich hatte mich so richtig in die Sprache verliebt, irgendwie ist sie der Mittelpunkt geworden.
Als Schülerin habe ich schon ab der neunten Klasse an Wettbewerben teilgenommen. Der erste Wettbewerb war in meiner Heimatstadt. Dann war die zweite Runde in einer anderen Stadt. Meine Geburtsstadt heißt Poti. Das liegt in West-Georgien am Schwarzen Meer, so eine kleine Stadt wie Heide. Die dritte Runde war dann in der Hauptstadt, für die, die soweit kamen. Ja, und ich kam so weit. Das war für mich ein großer Erfolg als Schülerin. In der Hauptstadt, an der Universität geehrt zu werden. Dann bin ich einmal in der Pause, als ich an diesem Wettbewerb mitmachte, auf den Basar gegangen. Da habe ich ganz unerwartet eine deutsche Postkarte gesehen. Ich hatte das noch nie zuvor. Also auf dem georgischen Basar - eine deutsche Postkarte?! Damit hatte ich echt nicht gerechnet. Darauf stand, „Wer Träume hat, der hat auch Ziele.“ Da habe ich gedacht, „Das ist meine!“ Das war 1995. Seitdem ist diese Postkarte immer bei mir. Ich bin in Deutschland sehr oft umgezogen und trotzdem ist für mich klar, dass sie bei mir bleibt. Sie wird auch niemals weggeschmissen.
Ich hatte mir als Schülerin ein Ziel gesetzt: Ich möchte in dem Land studieren, wo Deutsch gesprochen wird. O.K., das war dann Deutschland. Ich wusste nicht viel über Deutschland. Die Postkarte war irgendwie so wie eine positive Aura. Als wenn du etwas siehst und du weißt: „Das ist es!“. Die Karte hat mir Kraft gegeben.

Im Jahr 1995 triffst du auf die Postkarte und wann bist du nach Deutschland gekommen?

Ich habe natürlich erst einmal die Schule beendet, in Georgien. In Georgien habe ich vier Jahre an der Uni studiert und kam 2006 nach Deutschland. An der Uni habe ich auch auf Deutsch studiert. Unter anderem hatte ich teilweise deutsche Professoren aus der Uni Münster. Die arbeiteten auch am Goethe-Institut.

Was hast du dort studiert?

Ich habe in Georgien Internationale Beziehungen studiert. Da hatte ich dann auch meine ersten Berührungen mit deutschen Muttersprachler*innen. Also bereits in Georgien, schon in Tiflis. Ich hatte zwar viel gelesen über Deutschland und wusste, es gibt 16 Bundesländer und das alles. Solche Dinge hatte ich gehört. Naja, aber es ist etwas ganz anderes, wenn man dann wirklich hier ist. Auf jeden Fall war das ein Traum einer Schülerin, die eigentlich noch nicht ganz genau wusste, was das ist.

Nur so ein dumpfes Gefühl, nicht wahr?

Ein bisschen schon also, dann wusste ich auch, dass ich alleine nach Deutschland komme und die Familie ist ja nicht da, weil niemand wollte jetzt außer mir nach Deutschland. Warum auch? Aber ich bin meiner Familie sehr dankbar. Niemand hat in der Familie gesagt: „Du bleibst hier!“ Die haben mich immer unterstützt und immer gesagt: „O.K., wenn du das machen willst, dann mach das.“ Es ist für niemanden einfach, das Kind so weit weg gehen zu lassen. Ich habe auch Geschwister. Wir sind zu dritt und die Eine, die geht dann weit weg. Das ist schon nicht so schön. Aber mein Traum war so groß. Auch wenn sie „Nein!“ gesagt hätten, wären sie damit nicht durchgekommen.

Das Studium begann dann an der Uni in Bonn, richtig?

Ja, aber vielleicht noch vorweg: Ich kam nicht direkt als Studentin hierher, weil das aus finanziellen Gründen nicht möglich war. Deswegen war ich ein Jahr als Au-Pair in einer Familie. Ein Jahr, so dachte ich mir, wäre gut, um das Land und die Kultur erst einmal besser kennen zu lernen. So was braucht man ja auch, finde ich, um sich erst einmal neu zu orientieren. 
An der Stelle muss ich erzählen. Also diese Träume, die ich hatte, glichen im ersten Jahr nicht unbedingt der Wirklichkeit. Wie sagt man? Der Traum war geplatzt: So war zumindest meine erste Wahrnehmung. Die Familie schien am Anfang sehr nett zu sein. Sie hatten drei Kinder. Ich habe da ein Jahr gelebt, aber letztendlich war ich sehr unglücklich bei denen. Die waren sehr reich, aber alle Kinder hatten noch Hunger. Ich auch. Da war irgendwie nie genug Essen da. Aber irgendwie Dominanz: Ich habe Geld - Ich habe Macht. Und ich war dann letztendlich eine billige Arbeitskraft. Das war überhaupt nicht schön. Da musste ich mich wirklich anstrengen, um mit dem Leben so zurechtzukommen. Ich meine, wo bin ich überhaupt? Und was ist mit meinem Traum? Damals war ich auch sehr dünn, weil ich keinen Appetit mehr hatte. Mir ging es psychisch nicht gut: Ich bin hier alleine, ich habe nur wenige georgische Freunde und dieser wunderschöne Traum - Ich, endlich in Deutschland - war irgendwie weg. Dann ging es mir so, dass ich gedacht habe, dass ich das niemals schaffen würde. Dieser Traum, den ich so viele Jahre lang hatte, war irgendwie verschwunden. Plötzlich. Natürlich kostet das dann viel Kraft. Ich reise aus Georgien, habe meine Heimat verlassen, um diesen Traum zu verwirklichen, und dann komm ich jetzt hier an und mir geht es schlecht. Der Gastvater hat mir damals meinen Pass weggenommen. Also er hat ihn irgendwie in einen Safe weggeschlossen. Nur so zu dem Zweck, „Ja, dann läufst du ja nicht weg.“ Einfach, weil die wussten, dass es mir nicht so gut geht. Da habe ich gesagt, „Ich laufe nicht weg. Wenn ich gehen will, dann geh ich. Dann gehe ich aber mit meinem Pass.“ Letztendlich, aus Prinzip, bin ich da ein Jahr geblieben, aber am letzten Tag habe ich fast einen Polizeieinsatz gebraucht. Wir haben uns drei Stunden gestritten, sodass die Nachbarn rauskamen. Sie wollten mich nicht gehen lassen. Und das war wirklich…

… Das waren doch Gasteltern, oder nicht?

Ja genau. Die wollten, dass ich länger bleibe, wegen der Kinder. Denn ich war ja eine billige Arbeitskraft, die alle Aufgaben erledigt hat. Aber ich habe gesagt, „Ich will nicht mehr. Ich habe das eine Jahr pflichtgemäß erfüllt und jetzt bin ich weg.“ Vielleicht noch einen Schritt zurück zu der Familie. Also die hatten so eine Einstellung: Bleib bei uns, studiere hier und wir werden dir helfen. Sonst sitzt du in zehn Jahren in einem georgischen Dorf. Die Gastmutter hatte mich einmal gefragt, ob es bei uns Fernsehen gebe. Mein Gott, also wo soll ich anfangen? Die Dame hat in der Sparkasse gearbeitet und wohnte trotzdem irgendwie hinter dem Mond. Das ist aus meiner Sicht generell so ein Problem. Wenn Migrant*innen in eine Gastfamilie kommen, sollte man aufpassen, dass es ihnen dort gut geht. Ich will jetzt nicht alles schlecht reden, aber das ist so ein Thema, das ich am eigenen Leib erfahren habe. Das erste Jahr in Deutschland nenne ich deshalb „schwarzes Jahr“ für mich. Dann habe ich angefangen, an der Uni Bonn zu studieren. Wieder den Bachelor in Politik und Gesellschaft, weil ich ein bisschen Sorge hatte, ob mein Deutsch gut genug sei, um direkt auf den Master zu studieren.

Dein Deutsch ist perfekt?!

Nee, aber ich muss sagen, als ich Studentin war, in der Uni Bonn, da habe ich die ersten drei Semester keine einzige Frage gestellt. Obwohl ich Fragen stellen wollte. Aber ich habe mich nicht getraut, bis es dann zwei Professoren bemerkt haben. Die haben dann gesagt: „Warum stellen Sie keine Frage?“. Ich habe gesagt: „Ja, aber was ist, wenn ich da irgendwie einen Fehler mache? Was würden die anderen dann denken? Wie kann sie denn Politik und Gesellschaft studieren, wenn sie kein Deutsch kann?!“ Die Professoren haben mir dann aber geantwortet: „Sie können sehr gut Deutsch und Sie stellen Fragen. Alles klar?!“ Das hat mir dann eingeleuchtet. An dem Tag war ich wirklich die Erste, die die Frage gestellt hat.

Nach dem Bachelor, wie kommt man dann von Bonn nach Heide?

Weil ich ja schon einen Abschluss in Georgien gemacht hatte, habe ich an der Universität Jena mein Masterstudium fortgesetzt. Ich bin ich also von Bonn nach Jena gegangen und habe da meinen Master in Kaukasiologie/Kaukasus-Regionen gemacht. Ein Semester habe ich dann an der Uni Halle (Saale) Armenistik gemacht. Da habe ich dann noch Armenisch gelernt. Bonn war und ist der Ort, an den ich immer wieder gerne zurückkehre. Ich bezeichne Bonn auch als meine Heimatstadt in Deutschland. Dann habe ich meine Masterarbeit geschrieben an der Uni in Bochum. Allerdings über die deutsche Rolle bei dem Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Dann ging ich nach meinem Uni-Abschluss nach Berlin. Da habe ich angefangen, an der georgischen Botschaft ein Praktikum zu machen. Etwa 5-6 Monate waren das und es war eine ganz tolle und wertvolle Zeit für mich. Anschließend kam ich wieder nach Bonn zurück. Mit dem Studium war ich nun fertig. Damals hatten wir 18 Monate Zeit, um uns eine Arbeit zu suchen.
Jetzt komme ich zu der Frage zurück, wie ich nach Dithmarschen gekommen bin. Ich reflektierte also meine vergangene Zeit in Deutschland. Niederlagen, Höhepunkte… Ich hatte bereits alles erlebt. Aber was will ich jetzt? Hierher nach Deutschland zu kommen, habe ich ganz alleine entschieden. So musste ich auch ganz alleine entscheiden, ob ich hier bleiben oder wieder zurückkehren möchte. Ich bin ein Typ, der auf sein Herz hört. Ich habe mich nicht gezwungen. Meine Familie schon mal gar nicht. Sie hätten sich zwar sehr gefreut, wenn ich zurückgekommen wäre. Aber ich habe auf mein Herz gehört und ich bin gerne hier. Ich habe die Stelle hier bekommen, weil meine Leiterin, also meine heutige Chefin, mich angerufen hatte und sie hat mir gesagt: „Wir wollen Sie im Kreis Dithmarschen haben. Wollen Sie auch?“ Ja, so bin ich hier hingekommen, also wegen der Arbeit.

Wann war das?

Das war im Februar 2016. In Heide angekommen, wusste ich gar nicht, wo der Marktplatz eigentlich ist. Also habe ich nachgefragt und sie haben mir geantwortet: „Hier! Da vorne!“ Ich stand quasi schon auf dem Marktplatz, ohne es wirklich zu wissen. Damals lag sehr viel Schnee und die Stadt sah sehr schön aus. Trotzdem erschien mir alles sehr fremd und ich konnte mir kaum vorstellen, hier, irgendwo in Norddeutschland, in Zukunft nun zu leben. Dann hat die Chefin mich angerufen und gesagt, dass ich am Freitag zum Arbeiten kommen könne. Diese Nachricht empfing ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge, denn Heide war einfach so weit weg von Bonn.
Das erste Jahr arbeitete ich im Kreishaus. Ich kam direkt aus der Universität und hatte natürlich noch keine Arbeitserfahrungen. Woher auch? Ich hatte studiert und ein wenig Praktikumserfahrung gesammelt, aber wie das Arbeitsleben wirklich aussieht, das wusste ich nicht. Nun gut, alles hat so seine Zeit. Ich weiß noch genau, dass ich die ersten sechs Monate erst einmal damit verbracht habe, überhaupt die Umgebung kennen zu lernen. Wo bin ich? Am Anfang hatte ich sehr stark das Gefühl, das neue Leben hier in Heide nicht zu schaffen. Das Einzige, was mir hier geholfen hat, war wieder die deutsche Sprache. Die war wie meine beste Freundin, die immer bei mir war, egal wo ich mich in Deutschland befand. Ich habe häufig zu mir selbst gesagt: „O.K., ich bin nicht alleine, ich kann die Menschen verstehen. Ist das nicht toll? Ich bin irgendwo in einer fremden Stadt in Deutschland, ich kenne hier nichts und niemanden.“ Die Sprache war wiederum meine Brücke und das war gut so und ich glaube, es hat etwa ein Jahr gedauert, bis ich damit zurechtkam. Also es war wirklich sehr, sehr schwierig am Anfang, weil das hier ja auch ein anderes Leben als in einer Großstadt ist. Ja, da sind wir alle einig, oder?
Und dann baut man, wenn auch langsam, hier seine eigene Welt auf. Hier habe ich auch sehr viele nette Menschen kennen gelernt. Kontakte sind sehr wichtig. Was mir hier vielleicht ein bisschen fehlt, ist, dass es hier nicht so viele Georgier*innen gibt. Zumindest habe ich keine Kontakte, dass man mal sagen kann, „Lass uns mal gemeinsam Kaffee trinken gehen!“ Das habe ich hier nicht. Aber auch damit komme ich zurecht. Ich wohne jetzt in Deutschland. Deshalb bin ich auch bewusst dagegen, nur mit Georgier*innen unterwegs zu sein. Ich möchte hier nicht mein kleines Georgien für mich aufbauen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, hier zu leben und keinen Kontakt zu den Einheimischen zu haben. Wenn man hingegen hier lebt und nur Kontakt zu seinen Landsleuten hat, wird das aus meiner Sicht nur dazu führen, dass man immer stärker Heimweh bekommt. Ich sage immer: „Ich habe nur eine Heimat. Georgien. Und die bleibt auch meine Heimat.“ Das ist nichts gegen Deutschland. Trotzdem möchte ich mich wohlfühlen und glücklich sein, dort wo ich bin. Sonst wäre ich nicht hier. Definitiv nicht.

Kann man dann also sagen, dass du stattdessen versucht hast, deutsche Traditionen und Gewohnheiten aktiv in dein Leben zu etablieren?

Aktiv… Weiß ich nicht. Also das kommt so von selbst. Ich glaube ein bisschen automatisch. Es gibt Sachen, die mir gefallen. Es gibt Sachen, die mir bis heute nicht so gut gefallen oder die ich auch nicht verstehe. Dann lasse ich das auch einfach. Niemand hat mich dazu gezwungen, etwas anzunehmen oder nicht anzunehmen. Insgesamt verändert man sich ja auch mit der Zeit. Das ist ein ganz normaler Prozess. Wenn ich in Georgien bin, sagt man mir immer wieder, dass ich mich verändert habe. Das weiß ich ja auch und merke es selber.
Zum Beispiel habe ich einmal ein Taxi angehalten und mich nach vorne neben den Fahrer gesetzt. Dort habe ich meine Handtasche vor meinen Beinen auf dem Boden abgelegt. Ich habe nichts gesagt, nur die Adresse, zu der ich hinwollte, aber der Fahrer fragte mich plötzlich: „Sie leben im Ausland, richtig?“ Ich habe ihm zugestimmt und nachgefragt, woher er das denn wisse. Ich war ganz Ohr. Dann fragte er dazu noch: „Und sie kommen aus Deutschland?“ Ich dachte, ich spinne, und dann sagte er: „Keine Georgierin macht das so. Sie wird ihre Tasche immer auf die Beine legen, aber nicht doch auf den Boden. Das machen die deutschen Frauen.“ Also ich konnte mich wirklich nicht verstecken, ja, und ich habe gesagt: „Sie haben Recht, ich wohne in Deutschland.“ Von solchen Fällen kann ich euch so einige berichten.

Diese Momente, waren die für dich überraschend oder unangenehm?

Vielleicht eher ein bisschen traurig. Du weißt ja, das sind meine Landsleute und dass sie es merken, ist okay. Ich darf auch anders sein. Ich hatte nur ein wenig die Sorge, dass sie denken würden, dass ich sie nicht mehr akzeptiere. Mir wurde auch immer wieder gesagt, dass ich mich verändert hätte. Manche denken, dass das automatisch passieren würde, wenn man im Ausland lebt. Vielleicht waren manche deshalb auch voreingenommen. Was heißt schon automatisch? Man muss das auch von außen so ein bisschen beobachten. Aber wenn man das dann so ein paar Male erlebt, ja, dann fragt man sich schon, was das jetzt für einen heißen würde. Ich bin in Deutschland keine echte Deutsche. Ich falle hier auf, dass ich hier nicht geboren und aufgewachsen bin. In Georgien, da falle ich jetzt aber auch auf. Zwar gehöre ich noch dazu, aber ich bin anders. Andere merken es. Das macht mir trotzdem ein bisschen Angst oder eher Sorgen, nicht mehr von allen akzeptiert zu werden. Schließlich habe ich 22 Jahre in Georgien gelebt. Es ist meine Heimat. Dann denkt man: „Gibt es überhaupt noch einen Ort, an dem ich zu 100% akzeptiert werde?“ oder auch: „Bin ich fremd geworden für meine Heimat oder ist meine Heimat mir fremd geworden?“

Gibt es in Deutschland oder speziell in Dithmarschen irgendetwas, was du hier besonders vermisst. Etwas, was du hier nicht hast, aber gerne hättest?

Also in Dithmarschen vermisse ich eindeutig Berge. Viele Menschen von hier sind zwar verliebt in diese Weite, aber bis heute ist das nichts Besonderes für mich. Berge sind so wunderschön. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir viele Berge in Georgien haben und dass das dann wie ein Stück Heimat für mich ist. Was ich explizit in Deutschland vermisse oder mir besser gesagt wünschen würde, wäre, dass die Nachbarschaft hier ein bisschen anders wäre. Vor allem in der Stadt finde ich die Nachbarschaften nicht sonderlich schön. Generell ist es ja ein anderes Leben in der Stadt. In einem richtigen deutschen Dorf habe ich bisher noch nicht gelebt, aber ich habe gehört, dass sich dort alle Nachbarn kennen und zum Beispiel Dorffeste feiern würden. Ich wohne jetzt seit zwei Jahren in Heide und da, wo ich wohne, kenne ich nur meine Nachbarn von unten, aber wer nebenan und vorne wohnt, da habe ich keine Vorstellung. Das wäre bei uns in Georgien unvorstellbar. Da ist eine Straße und niemand weiß, wer die Leute sind, die dort wohnen. Vielleicht wissen sie, wer ich bin, aber ich weiß nicht, wer die sind. Das ist schon ein bisschen schwierig für mich. Also ich glaube, wenn ich in Georgien wäre und das dort hätte, dann würde ich durchdrehen. Aber ich weiß, dass es hier so ist, und dann muss ich immer ‚umswitchen‘.

Du hast vorhin gesagt, so sinngemäß, dass du doch gar nicht so unbedingt übermäßig viele Kontakte zu Georgier*innen suchst. Vielleicht auch, um dieses Heimweh-Gefühl nicht zu verstärken, das vielleicht manchmal hochkommt. Mich würde mal interessieren, was für Literatur du so privat liest. Liest du auch georgische Literatur oder bricht dann eher was in dir aus und du sagst dir: „Ne, dann lege ich es lieber weg.“

Also ich habe auch georgische Bücher zu Hause. Ich habe sehr viele georgische Dichter und Schriftsteller, die ich sehr mag. Von denen habe ich zwar nicht alles hier zu Hause, leider. Ich vermisse es und wollte meine Mutter fragen: „Kannst du mir die Bücher irgendwie per Post zu schicken, weil ich es vermisse, sie zu lesen?“ Aber erstens bin ich auch sehr beschäftigt, weil ich eine Vollzeitstelle habe, Familie habe. Aber trotzdem lebe ich ja in Deutschland und da ist mir bewusst, dass ich eben nicht in Georgien lebe und keine Georgier*innen um mich herum sind. Ob ich will oder nicht, damit muss ich zurechtkommen. Deutschland ist für mich, wie soll ich sagen, meine ‚Wahlheimat‘.

Gibt es noch Wünsche oder Erwartungen, die du hier in Deutschland hast und noch gerne verwirklichen möchtest?

Wie ist die Frage gemeint? Im Beruflichen oder so persönlich?

Persönlich, auch beruflich, je nachdem.

Also ich sage immer, nicht übertrieben gemeint: „Ich bin gut genug für mich.“ In Bezug auf meine Karriere habe ich keine Ansprüche. Ne, ich habe gut genug gearbeitet, gekämpft. Das ist so mein Reichtum, würde ich sagen. Ich bin die, die ich immer sein wollte.

Du bist mit dir im Reinen, sagt man so.

Ja, ganz genau. Mir fällt nichts ein, wo ich sagen würde, dass ich es mir anders wünschen würde. Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann kann ich es ja auch ändern. Es liegt ja in meiner Hand. Eine weitere Sache ist, dass ich 22 war, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich war noch sehr jung und habe dementsprechend das ‚richtige Leben‘ auch erst in Deutschland kennen gelernt. Zuerst war ich ja in dieser Gastfamilie und da wusste ich noch gar nicht, wie man eigentlich kämpft. Kämpfen heißt ja nicht nur auf dem Kriegsgebiet mit einem Gewehr zu stehen. Es gibt ja auch andere Formen des Kampfes. Und deswegen sage ich, dass die Hindernisse, die Steine, die ich dann in den Weg gelegt bekommen habe, das hat alles zu meiner Entwicklung beigetragen und war auch nötig, glaube ich. Das waren Lektionen über das Leben, die ich gebraucht habe. Die ich davor wahrscheinlich nicht hatte oder die gefehlt haben, weil Papa und Mama aufgepasst haben. Bei seinen Eltern, in seiner Familie, da lebt man ja irgendwie in einem geschützten Raum. Hier in Deutschland war das alles dann erst mal weg. Dennoch hat mich dieser Weg, den ich dann gegangen bin, geprägt und zu der Person gemacht, die ich heute bin. Ich hatte ja auch nicht geplant, ganz genau so und so möchte ich werden, aber ich bin gerne die Frau, die ich heute bin. Ich bin glücklich in meiner Haut. Ich habe mich selber glücklich gemacht, durch den Weg, den ich gegangen bin.

Du lebst also eher den Moment und für den Moment. Kann man das so sagen?

Wie soll ich sagen? Ich bin stolz auf mich und dies meine ich jetzt nicht arrogant oder so. Ich habe eigentlich aus dem Nichts viel geschafft und dadurch habe ich mich näher kennen gelernt und entdeckt, was ich kann. Ich meine, das Größte, was man in diesem Land erreichen kann, ist die Staatsbürgerschaft. Die habe ich ja erreicht. Mehr kann man nicht erreichen, weil du mich ja gefragt hattest, was ich noch gerne erreichen würde. Ich habe jetzt nicht vor, irgendwie zu kandidieren oder so, das ist nicht geplant. Weil ich mich damit zufrieden stelle, was ich bis heute geschafft habe. Dann kann man auch irgendwann mal sagen, „Jetzt ist auch mal gut.“, oder? „Jetzt kannst du mal dein Leben genießen und auch einfach mal dankbar und zufrieden sein.“ Genau in dieser Phase befinde ich mich gerade.